Warmschreiben 3

21.12.2013

»Schon wieder so spät! Wo soll das nur hinführen mit dir?« Tadelnd wippte der Zeigefinger des Digitalteufelchens über den Bildschirm.

»Tut mir leid, Kleiner, aus uns beiden wird heute nichts.«

»Ach komm schon, du willst deinen Vorsatz wirklich schon sausen lassen?«

»Nein, nein«, der Autor schüttelte seinen Kopf, »ganz im Gegenteil. Er trägt schon erste Früchte. Ich habe heute schon an einer Geschichte geschrieben.«

»Du hast geschrieben? Ohne mich?« Das Wesen spuckte einige Bits neben einen Unterordner. »Das wird kein gutes Ende nehmen mit uns beiden, das sage ich dir!« Damit verschwand der Teufel in einer Partikelwolke.

Die Stirn des Autors legte sich in Furchen. Nach einiger Zeit glitt seine Hand zur Maus, der Zeiger schwebte unschlüssig über des Teufelchens Ordner. Dann stand der Autor auf, schaltete den Monitor ab und verließ den Schreibtisch.

Warmschreiben 2

20.12.2013

»Du bist spät, der Tag ist fast vorbei!«

Bei der Begrüßung bereute der Autor fast, das Teufelchen aus seinem Ordner geweckt zu haben. »Was geht es dich an?«

»Na, wir haben einen Deal, oder?«

»Schon, aber du bekommst doch deine Bilder und MP3s so oder so.«

»Hm«, der Teufel lehnte sich gegen einen Rand des Ordners und strich sich seinen Schwanz, den er über die linke Schulter drapiert hatte, »im Moment schon. Aber wenn du irgendwann der Meinung sein solltest, dass unser Arrangement keinen Wert mehr für dich hat, könntest du auf die Idee kommen, mich zu löschen.«

Der Mann vor der Tastatur zuckte mit den Schultern.

»Und es wäre doch schade«, fuhr das rote Wesen fort, »wenn du meiner schon am zweiten Tag überdrüssig werden würdest, oder? Ich glaube, wir können zusammen Großes erreichen.«

»Meinst du?«

»Sicher. Ich hatte schon einige Deals. Aber dieser … dieser ist etwas Besonderes. Weil du etwas Besonderes bist.«

»Du klingst wie eine billige Nutte.«

»Woher weißt du denn, wie eine billige Nutte klingt?«

»Fernsehen.«

»Ach, zum Fernsehen hast du Zeit, aber mich lässt du hier bis kurz vor Zwölf schmoren?« Das Teufelchen stemmte die Fäuste in die Hüften und zuckte wütend mit dem Schwanz. Dampf trat aus seiner Nase und seinen Ohren aus. Er wirkte fast süß, wie er so eingeschnappt aus dem Bildschirm herausstarrte.

»Schon gut, schon gut, jetzt bin ich ja da. Lass uns anfangen.«

»Anfangen.« Der Computerteufel taperte durch seinen Ordner, hin und wieder zurück, wie ein nervöser Hobbit. »Na gut, womit wollen wir denn anfangen?«

»Mit deiner ersten Geschichte natürlich.« Der Autor griff nach der Maus. Erschrocken hüpfte der Teufel auf und zog sich in die vom Mauszeiger entfernte Ecke zurück.

»Hey, ich erzähle ja, das ist doch kein Grund, gleich handgreiflich zu werden!«

»Was?« Irritiert blickte der Autor seinen Gast an. Der deutete mit einer Kopfbewegung auf die weiße Spitze, die über dem Desktop kreiste. Der Mensch folgte dem Blick.

»Ach so. Keine Angst.« Der Autor griff das geöffnete Ordnerfenster und warf es gegen den linken Bildschirmrand, so dass es sich dort verankerte. Dann öffnete er das Schreibprogramm, dass er zur Zeit bevorzugte, und warf ein Fenster gegen den rechten Bildschirmrand. »Ich will mir doch nur ein paar Notizen machen.«

»Ach so.« Der Teufel entspannte sich und ließ sich auf dem Symbol des Unterordners mit Musik von Cher nieder. »Ich dachte schon, du wärst einer von den Perversen, die auf Pieken und Doppelklicken stehen.«

»Ach, hör auf.« Irgendetwas irritierte den Autor, aber er konnte es nicht ganz greifen. Er warf einen zweiten Blick auf den rittlings sitzenden Teufel. Cher? Ich habe doch gar keine Musik von Cher? »Sag mal, wo kommt denn der Ordner her?«

Der Teufel blickte sich um. »Ordner? Welcher Ordner?«

»Der auf dem du sitzt. Der mit Cher. So was habe ich doch gar nicht.«

Der Rote beugte sich zwischen seinen Beinen hinunter und inspizierte seine Sitzgelegenheit. »Ach so, der. Gefällt dir meine neue Einrichtung?«

»Das war aber nicht der Deal! Und wo hast du den her? Du hast den doch nicht etwa runtergeladen? Ich habe keinen Bock auf eine Abmahnung deinetwegen!«

»Ach wo«, der Teufel winkte ab, »alles legal. Du hast doch dein Amazon-Passwort im Browser gespeichert.«

»Was? Du hast das gekauft?«

»Klar. Mit deiner Depri-Mucke kann doch keiner glücklich werden.«

»So nicht, mein Freund. Du wirst kein Geld mehr ausgeben, verstanden. Und auch nichts illegal herunterladen!«

»Aber …« Das Teufelchen verstummte als die Speerspitze des Mauszeigers auf ihn zuflog. Er warf sich zu Boden, verschränkte die Arme über dem Kopf und winselte. »Schon gut, schon gut, ich bin artig.«

Der Autor nickte. »Na gut. Wehe nicht. Also, erzähl mir eine Geschichte.«

Der Teufel beugte sich aus seinem Fenster in das des Schreibprogramms hinein und beäugte die Statuszeile. »Nein, ich denke nicht. Du hast ja deine 3k schon. Gute Nacht.« Damit verschwand das Höllenwesen blitzschnell in einem Unterordner und ließ einen ratlosen, aber nichtsdestotrotz mit dem Pensum zufriedenen Schreiber zurück.

Warmschreiben 1

Warmschreiben

19. Dezember 2013

»Einfach nur ein bisschen warmschreiben«, murmelte der Autor, als er sich an seinem Schreibtisch niederließ und die Finger über die Tastatur glitten. »Muss ja keinen Sinn ergeben, Hauptsache die Wörter fließen.«

Er begann, zu tippen und gleich erschien ein kleines Teufelchen am Bildschirmrand. »Was machst du denn? Das ist doch Blödsinn, was du schreibst!«

»Ja, natürlich ist es das. Aber ich muss was schreiben. Ich habe das Ziel, jeden Tag 3000 Zeichen zu schreiben. Und besser, ich schreibe irgend etwas als gar nichts.«

»Ah, ich verstehe.« Das kleine Teufelchen tanzte von links nach rechts über den Bildschirm, schlug ein Rad und steckte ihm die Zunge heraus. »Und dann fällt dir nichts besseres ein, als dir einen kleinen roten Teufel auszudenken, der deinen Computer unsicher macht? Was genau soll ich denn eigentlich sein? Ein Produkt deiner Phantasie? Ein Computervirus? Ein fortschrittliches Autorenassistentenprogramm?«

»Keine Ahnung. Ist doch egal. Du bist keine Geschichte, sondern nur eine Aufwärmübung.« Der Autor griff nach der Maus, versuchte das Teufelchen zu erfassen – irgendwo musste es doch abzustellen sein. Doch das rote Männchen wich dem Zeiger aus, sprang, kroch, hastete, wirbelte über den Bildschirm.

»Hey, hey, nicht so schnell. Wir könnten doch zusammenarbeiten, was meinst du? Ich kann dir behilflich sein?«

»So?« Die Bewegungen des Mauszeigers über den Monitor wurden langsamer, ungenauer, brachten das Teufelchen nicht mehr in Bedrängnis. Das entspannte sich ein wenig, machte es sich auf einem Ordnerfenster auf dem Desktop gemütlich und ließ die behuften Beine über die Menüleiste baumeln.

»Und wie soll deine Hilfe aussehen?« Der Autor kniff die Augen zusammen. Er wollte sich von so einem kleinen Wesen nicht übervorteilen lassen. Vielleicht war es elfischen Ursprungs, ein Schabernack oder irgend eine Art von Kobold, der sich in seinem Computer eingenistet hatte. Wer konnte das schon wissen. Und diese Wesen waren hinterhältig, wenig vertrauenswürdig.

»Ich könnte dir Geschichten erzählen«, schlug der Rote vor. »Geschichten, die ich woanders erlebt habe.«

»Und was habe ich davon?«

»Du könntest sie aufschreiben. Die Worte würden nur so fließen. Und vielleicht wird aus dem einen oder anderen Wortfluss ja auch eine Geschichte für dich?« Der Zwergteufel streckte ihm die Hand entgegen. »Schlägst du ein?«

»Hm, klingt nicht schlecht. Aber«, er zögerte und rief sich in Erinnerung, dass Geschäfte mit Feenvolk selten fair für die nicht-feeische Seite abliefen, »was ist für dich dabei drinnen?«

»Für mich? Leider nicht viel, ich mache das aus reinster Nächstenliebe. Und ich bitte dich nur darum, mich nicht zu beenden, solange dir meine Geschichten gefallen. Außerdem hast du schöne Bilder und gute Musik auf deiner Festplatte. Da schaue ich mich gerne ein bisschen um. Dieser Ordner da, unter C:\Users\Slemke\Dokumente\Privat\Archiv\Löschen\temp\, der hat es schon in sich. Übrigens, von dem Pfad lässt sich doch niemand an der Nase herumführen. Das ist doch Security by Obscurity. Das zieht nicht.« Der Teufel zwinkerte ihm zu.

»Bleib da weg!« Drohend richtete der Autor seinen Zeigefinger auf das Teufelchen und griff mit der anderen Hand zur Maus.

»Okay, okay.« Der Teufel streckte abwehrend die Handflächen aus. »Schon gut.«

»Und du hast wirklich gute Geschichten?«

»Die besten, ich schwöre.«

»Na gut, du erzählst mir jeden Tag eine Geschichte, die mindestens 3000 Zeichen lang ist und die ich aufschreiben und verwenden darf. Dafür lege ich dir einen Ordner an mit Musik und Bildern, in dem du dich aufhalten darfst.«

Der Teufel streckte den Arm aus und in seiner Handfläche erschien ein Dialogfeld mit den zwei Buttons »Deal« und »No Deal«.

Der Autor schob den Mauspfeil auf den Dialog, überlegte kurz, zuckte mit den Schultern und klickte »Deal«. Ein kalter Schauer lief ihm den Rücken hinunter.