Star Trek Discovery – Was ich entdeckte (Teil 2)

Achtung, dieser Artikel kann Spoiler zur ersten Staffel von „Star Trek – Discovery“ bis einschließlich Episode 12 („Vaulting Ambition“ / „Blindes Verlangen“)

Im ersten Teil dieses Artikels bin ich ein wenig auf das Setting eingegangen, in dem Discovery spielt. Das vorläufige Fazit könnte als „wenig startrekig“ zusammengefasst werden. Inzwischen sind drei weitere Folgen durch die Leitung geströmt und haben zumindest die Spekulationen hinsichtlich des Spiegel-Universums imposant bestätigt. Zur Verdeutlichung des eigentlichen Settings trägt der Aufenthalt im Spiegel-Universum natürlich nur wenig bei. Umso mehr jedoch zur Charakterisierung der Figuren, die heute sowieso Gegenstand des Artikels sein sollten. Also, schauen wir mal auf die Crew:

  • Saru: Ich mag Saru, auch wenn ich finde, dass man noch recht wenig von ihm und seiner Spezies weiß. Interessant finde ich auf jeden Fall den Aspekt, dass sich eine intelligente Spezies mal aus Beutetieren anstatt aus Jägern entwickelt hat. Das eröffnet neue Erzählperspektiven. Bleibt zu hoffen, dass Sarus threat ganglia nicht immer nur anschlagen, wenn es der Plot gerade benötigt, sondern dass diese Facette – sowie natürlich Sarus Persönlichkeit insgesamt – konsistent und sinnvoll eingebunden wird. (Troi, ick hör dir trapsen.)
  • Stamets: Auf den ersten Blick der verrückte – oder zumindest bessessene – Wissenschaftler. Aber auch dieser bekommt durch die unaufdringlich eingestreute Partnerschaft mit Culber eine zusätzliche Facette, die eine umfassendere Figur aus ihm macht. Ich frage mich allerdings, welche Rolle Stamets übernehmen wird, wenn der Sporenantrieb erst einmal aus dem Setting gestrichen ist, da er anscheinend ja schon sehr auf diese Technologie fokussiert ist.
  • Tilly: So weit ich mitbekommen habe, gibt es einige Kontroversen um diese Figur. Viele finden sie wohl nervig. Ich finde sie erfrischend. Die (manchmal naive) Neugier und Freude, die sie auszeichnen, sind noch am ehesten das, was die typischen Werte der Sternenflotte (und auch diejenigen von Star Trek) in dieser Serie vertritt. Für sie ist es keine Frage, dass es notwendig ist, einen Weg zu finden, um Stamets zu helfen. Für sie ist es keine Frage, dass Burnham die Chance verdient hat, auch außerhalb des Dienstes als Mensch behandelt zu werden. Gerade, weil Tilly am Anfang auch ihre Vorurteile gegenüber Burnham hatte, macht sie die Tatsache, dass sie diese überwunden und eine Freundschaft mit Burnham begonnen hat, doch zum Inbegriff von Star Trek.
  • Tyler: Inzwischen ist ja bestätigt, was die Tribbles von den Schreibtischen gekreischt haben: Tyler ist Voq. Das gefälschte IMDb-Profil hat also nicht geholfen, davon abzulenken, hat aber immerhin für einen amüsanten Twitter-Account gesorgt. Ein bisschen ist ja schon auf die Umwandlung eingegangen worden. Und natürlich hat sie mit Arne Darvin in der TOS-Episode „The Trouble With Tribbles“ / „Kennen Sie Tribbles?“ ein Vorbild im Universum. Trotzdem finde ich es schon extrem weit hergeholt, dass solche eine Umwandlung den medizinischen Scannern entgehen kann. Und selbst die Tiefenuntersuchung von Culber hat nur einen Verdacht, aber keine Gewissheit ergeben. Ich hoffe, dass da noch eine plausiblere Erklärung nachgelegt wird.
    Interessant finde ich aber auch die Frage, ob Lorca eventuell sogar einen Verdacht hatte, dass Tyler nicht ganz sauber ist, es ihm aber egal war, da er eventuell einen Vorteil darin erkannte, der ihm helfen könnte, sein eigentliches Ziel zu erreichen. Oder ob Lorca aufgrund seiner Herkunft eine nicht-menschliche Spezies einfach unterschätzte und ihr so einen Schachzug weder technologisch noch intellektuell zutraute?
  • Lorca: Auch hier gab es ja von Anfang an Gerüchte, dass er aus dem Spiegeluniversum stammen könnte. Im Gegensatz zu Tyler wurden die bei Lorca aber offener gehalten, finde ich. Es war keineswegs so deutlich, dass er wirklich aus dem Imperium stammt. Er hätte auch einfach nur ein rücksichtsloses Arschloch sein können. Wobei das natürlich die Frage aufgeworfen hätte, wie so eine Person in der Sternenflotte, die wir kennen, ein so einflussreiches Kommando hätte erhalten können.
    Viele seiner Handlungen ergeben natürlich vor dem Spiegeluniversumshintergrund jetzt viel mehr Sinn. Dennoch bleibt es für mich spannend, wie es einem Gast aus dem Universum in der Sternenflotte gelungen ist, so viele Leute hinter das Licht zu führen. Vielleicht erfahren wir dazu ja noch ein wenig mehr. Tendenziell scheint es mir im Spiegeluniversum, in dem sowieso viel mit Einschüchterung und Manipulation gearbeitet wird, leichter zu sein, die eigene Machtposition zu nutzen, um Schwächen in der Darstellung zu übertünchen als in unserem, in dem selbständiges Denken und kritisches Hinterfragen eher Anforderungen an einen Sternenflottenoffizier sind.
    Aber vielleicht war Lorca bei seiner Ankunft hier ja auch tatsächlich aufgeflogen und die Zerstörung der Buran war nicht Auslöser sondern Folge seines Wechsels in unser Universum? Dass er skrupellos genug ist, um die Besatzung eines ganzen Schiffes für seine eigenen Interessen zu opfern, hat Lorca zweifellos bewiesen. Und was ist eigentlich aus dem echten Lorca geworden? Hat er den Untergang der Buran nicht überlebt? Eine spannende Figur, wenn auch sicherlich kein Sympathieträger.
  • Burnham: Mit der Sympathie hat es Burnham, die Hauptfigur der Serie, leider auch nicht so ganz. Und hier ist das schon problematischer. Natürlich verstehe ich die Absicht der Autoren, mit Burnham eine Figur einzuführen, die man auf ihrer Reise zur Menschlichkeit begleitet, welche ihr aufgrund ihrer vulkanischen Erziehung mangelt. Nur schaut man sich die Pilotfolge an, so war Burnham schon ein ganzes Stück weiter gekommen. Der Verlust der Shenzhou und insbesondere ihrer Mentorin Georgiou haben ihr da mächtig zugesetzt und sie ein ganzes Stück zurückgeworfen. Nur leider wirkt sie dadurch so distanziert, dass es mir als Zuschauer schwer fällt, Interesse und Mitgefühl für sie aufzubringen. Erst in den letzten Folgen ist sie wieder zu einer aktiveren Figur geworden, die ein eigenes Interesse daran hat, die Geschichte voranzubringen. Ich hätte mir hier von der Serie eine leichter zugängliche Identifikationsfigur gewünscht. Immerhin reden wir hier noch über eine Mainstream-Science-Fiction-Serie und nicht über ein Independent-Psychogramm. Aber ich habe zutrauen, dass sich das verbessert, wenn das Spiegeluniversum und der klingonische Krieg erst einmal hinter uns liegen.
    Und vielleicht noch ein paar Worte zu dieser ganzen Meutereigeschichte: Ja, technisch gesehen war es eine Meuterei. Und dass Burnham gleich zum Nervengriff gegen Georgiou griff, war sicherlich übertrieben und passte meiner Meinung nach nicht zu der Figur, wie sie bis dahin eingeführt worden war. Aber in keiner der vergangenen Serien hätte ein erster Offizier, der so etwas getan hat, so eine Strafe kassiert. (Auch wenn das unter dem Aspekt des Realismus durchaus angemessen gewesen wäre.) Und dass darüber hinaus Burnham sich selbst die Schuld an dem Krieg gibt – so wie es auch alle anderen tun – kann ich nicht nachvollziehen. Aber das ist vielleicht ein Thema für einen anderen Artikel.

Soweit zu den neuen Figuren. Bevor ich mich jetzt in Episode 13 versenke, möchte ich noch kurz eine Spekulation hinterlassen, wie es mit Discovery weiter gehen könnte. Ich denke (derzeit zumindest), dass die Discovery beim Verlassen des Spiegeluniversums – auf welchem Weg auch immer – einen Zeitsprung in die Vergangenheit machen wird. Ähnlich ist es ja schon der Discovery ergangen, als sie den interphasischen Raum durchquerte. Und zwar einen Zeitsprung in die Zeit vor dem klingonischen Krieg. Und dann kann Burnham all das verhindern, was passiert ist: der Konflikt mit den Klingonen, die Zerstörung der Shenzhou und der Buran, das Finden des Tardigrade, was gleichzeitig den Sporenantrieb hinfällig macht und so weiter und so fort. Vielleicht entkommt auch nur Burnham dem Spiegeluniversum und benutzt dann Mudds Zeitschleifenkristall, um die Situation zu ihrem Vorteil bzw. natürlich dem der Föderation zu formen. Und dann stehen wir plötzlich in der Situation, die uns der Prolog der Serie, die beiden Pilotepisoden, schon angekündigt hat: Burnham bekommt ihr eigenes Kommando, die Discovery (mit konventionellem Antrieb) und kann sich schön trekkig der Erforschung des Universums widmen. Ich würde mich freuen.

Freuen würde ich mich auch, wenn wir uns demnächst zum dritten Teil dieses Artikels wiedersehen, in dem es dann vermutlich um ein Gesamtfazit der ersten Staffel gehen wird.

Star Trek Discovery – Was ich entdeckte (Teil 1)

In einem Kommentar im Rahmen seiner 10-Blogs-10-Kommentare-Aktion* hat Roland alias Nerdlicht gefragt, wie mir Star Trek Discovery denn jetzt gefallen hat.

Und das muss ich mit einem ganz entschiedenen „Keine Ahnung!“ beantworten.

Prinzipiell ist es mehr das, was ich befürchtet habe als das, was ich mir erhofft habe, als ich im Vorfeld der Serie meine Erwartungen niederschrieb.

Und trotzdem kann (oder will?) ich die Serie nicht schlecht finden. Dennoch bleibt eindeutig festzuhalten, dass sie nicht das Star Trek ist, das wir kennen. (Was für eine Prequel-Serie natürlich problematisch ist.) Aber es ist eine unterhaltsame, gut produzierte Science-Fiction-Serie, die bislang vielleicht lediglich behauptet, im Star-Trek-Universum zu spielen. Ich glaube (hoffe?) aber, dass die Produzenten noch einen Kniff in der Hinterhand haben, um Discovery wieder mehr „auf Linie“ zu bringen. Ich weiß noch nicht, wie der aussieht, das Spiegeluniversum steht natürlich dabei hoch in der Theoriegunst. Hoffentlich aber keine später ausgelöschte Zeitlinie. Mal abwarten.

Aber gehen wir doch mal ein wenig mehr ins Detail. (Im Folgenden könnten Lesern, die die ersten neun Folgen der ersten Staffel Discovery noch nicht gesehen haben, Spoiler über den Weg laufen.)

  • Klingonen. Wie erwartet durchaus viele und durchaus intrigante. Ich finde, die Klingonen sind in den letzten vier Serien schon so extrem durchexerziert worden, dass hier mein Interesse nur wenig geweckt wird. Spannend finde ich, dass die Klingonen hier differenzierter sind als in vorherigen bzw. zukünftig spielenden Serien. Sie sehen unterschiedlich aus, haben andere Todesrituale, verhalten sich anders. Viel Aber-der-Canon-Geschrei ist darüber wohl laut geworden. Die Andersartigkeit finde ich aber nicht so schlimm – wenn sie denn Absicht ist. Ich erwarte hier, dass wir eine große Einigung der klingonischen Häuser sehen, die dann schlussendlich zu dem eher monokulturellen Reich führt, das in TNG ff. ausgiebig charakterisiert wurde. Dennoch hätte ich mir einen originelleren Gegner als die Klingonen gewünscht. (Und ich erwarte eine Erklärung, warum uns hier ausschließlich nicht-augmentierte Klingonen begegnen, wenige Jahre später auf Kirks Enterprise aber nur die augementierten. Das hat gefälligst einen Grund zu haben, liebe Produzenten, außer dem, dass ihr mehr Produktionsbudget als TOS hattet.)
  • Sporenantrieb. Ui, der ist ja jetzt gar nichts für mich. Nicht wegen der kanonischen Implikationen. Irgendwie werden sie das Ding schon vom Tisch bekommen, keine Frage. (Obwohl ein so mächtiges Gerät wohl nicht immer vom Tisch bleiben würde in der Realität. Egal, wie gefährlich es sein sollte oder welche Konsequenzen die Nutzung hat, die Voyager hätte wohl alles darum gegeben, einen einzigen Sprung machen zu können. Aber es ist dort nicht mal erwähnt worden. Da muss schon ein richtig schwerer Reset-Hammer auf die Serie niedergehen.) Nein, mein Problem liegt hauptsächlich darin begründet, dass ich biologische Aspekte dieser Art in der Science-Fiction nicht so recht mag. Sachen wie lebendige Raumschiffe, galaxienweite Nervennetze oder Planeten mit eigenem Bewusstsein wirken auf mich einfach zu weit hergeholt. Außerdem finde ich, dass solche Biotechnologie nicht besonders in das etablierte Star-Trek-Universum passt. Das ist doch viel mehr auf physikalischer Technologie aufgebaut und das liegt mir auch viel näher.

Oh, ich schreibe jetzt doch viel mehr, als ich eigentlich erwartet hätte und Episode 10 von Discovery wartet schon. Daher beende ich an dieser Stelle erst einmal den Artikel und werde in den nächsten Tagen in einem weiteren Teil versuchen, mir eine Meinung von Star Trek Discovery zu bilden. Bleibt dran, wenn ihr mögt.

* Die anderen Kommentare werde ich auch noch beantworten, versprochen.

Gelesen: Nadine Boos – Der Schwarm der Trilobiten (Die neunte Expansion – Band 4)

Vorbemerkung

»Der Schwarm der Trilobiten« ist der vierte Band der Shared-Universe-Reihe »Die neunte Expansion« (D9E), die vierteljährlich als Taschenbuch und E-Book im Wurdack-Verlag erscheint. Die Reihe ist hervorgegangen aus einer Diskussion im SF-Netzwerk mit dem Thema »Was müsste eine neue Romanserie drauf haben«.

Der gemeinsame Hintergrund der Romane ist die Tatsache, dass die mysteriösen Hondh in einer ihrer regelmäßigen Expansionsphasen die Erde überrannt und unter ihre Kontrolle gebracht haben. Dann haben sie ihren Eroberungszug eingestellt und die ehemaligen Kolonien der Menschheit sich selbst überlassen. Jetzt, 500 Jahre später, sind die Hondh für viele nur noch ein Mythos – aber für einige sind sie eine sehr reelle Gefahr, denn sie befürchten, dass die nächste Expansion der Hondh unmittelbar bevorsteht und über die unvorbereiteten Planeten hinwegfegen könnte wie ein Herbststurm über einen Laubhaufen. Was diese vereinzelten Mahner unternehmen, um sich gegen die Hondh zu wappnen, haben bislang Dirk van den Boom (»Eine Reise alter Helden«), Niklas Peinecke (»Das Haus der blauen Aschen«) und Matthias Falke (»Ein Kristall in fernen Himmeln«) in ihren D9E-Romanen beschrieben. Als vierte im Bunde folgt ihnen Nadine Boos jetzt mit »Der Schwarm der Trilobiten«.

(Eine Anmerkung noch: ich bin auf die ein oder andere Art lose mit dem Projekt verbunden, aber was ich hier schreibe, ist nur meine ganz persönliche Meinung.)

Worum geht es?

Trixi Darjeeling ist die Erbin eines der mächtigsten Häuser auf dem Planeten Andesit, der sich gemeinsam mit einigen anderen vor Jahrhunderten von der Erde losgesagt und jeden Kontakt abgebrochen hatte. Doch die Vorstellung, den Plänen ihrer Großmutter zu folgen, die unter anderem eine arrangierte Ehe mit dem Diplomaten Karolus, einem Spross der anderen mächtigen Familie des Planeten gehört, provoziert den Widerspruchsgeist der jungen Frau. Um der Hochzeit und einem bevorstehenden Flugverbot aufgrund einer allgemeinen Mobilmachung aufgrund von Gerüchten über eine Invasion der Hondh zu entgehen, setzt Trixi einen schon lange gehegten Fluchtplan vorzeitig in die Tat um und startet mit ihrer selbstgebauten Skolopendra in ein Nachbarsystem. Doch es läuft nicht ganz so wie geplant. Nicht nur hat ihre Großmutter dafür gesorgt, dass Trixis Verlobter ebenfalls an Bord ist, darüber hinaus kommt es auch noch zu einem ungeplanten Erstkontakt mit einer fremden Spezies.

Auf Andesit muss Trixis Großmutter Bronja gleichzeitig um den Erhalt ihrer Macht im Verhältnis zu den anderen Familien, aber auch um ihr Leben kämpfen, das in Gefahr gerät, als es zu einem Aufstand der Arbeiterklasse gegen den herrschenden Adel kommt.

Und dann ist da noch Kalmi, die als Kundschafterin der aquatischen Asmini auf der Suche nach einem Planeten ist, auf den ihr Volk vor den herannahenden Hondh fliehen kann.

Was gefällt?

Alles. »Der Schwarm der Trilobiten« ist ein hervorragendes Buch und das beste der D9E-Reihe bisher. Es gelingt der Autorin scheinbar mühelos – in Wirklichkeit vermutlich aber mit enorm viel Recherche- und Konzeptionsaufwand, würde ich vermuten – eine faszinierende Welt zu schaffen, in der nicht nur die typischen Männer- und Frauenrollen vertauscht sind, sondern die gleichzeitig auch vor einem sozialen Umbruch steht, der an den auf unserer eigenen Welt am Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts erinnert. (Manchmal hatte ich das Gefühl, ich lese einen Downton-Abbey-in-Space-Roman.)

Das, was wir über die Welt erfahren, ist sehr geschickt in die Perspektive der Figuren eingearbeitet, so dass niemals der Eindruck aufkommt, dass das Worldbuilding zum Selbstzweck verkommt und jetzt noch mal dringend auf zehn Seiten etwas darüber beschrieben werden müsste, weil es halt da ist. Nein, alles was in diesem Buch steht, muss auch darin stehen, weil es die Figuren charakterisiert, die auf dieser Welt aufgewachsen sind, angefangen bei der sozialen Schichtung bis hin zu Hobbys wie Ponyzucht und Pickelhaubensammeln.

Dass die Figuren sehr gut ausgearbeitet sind, ist damit schon angedeutet, sei hier aber noch mal explizit hervorgehoben. Alle haben ihre Stärken und Schwächen, ihre sympathischen und unsympathischen Moment und vor allem ihre eigenen Ziele, die sie in Konflikt mit anderen Figuren bringen und dafür sorgen, dass sich die Figuren weiterentwickeln (müssen).

Die Handlung auf mehreren miteinander verflochtenen Ebenen ist eher ruhig, aber dennoch spannend und jederzeit nachvollziehbar und schlüssig.

Was gefällt nicht?

Ein dem Konzept der Reihe geschuldetes Problem ist, dass es leider recht lange dauern wird, bis wir Leser erfahren, wie es in diesem Handlungsstrang weitergeht. Aber zum Trost können wir ja bald wieder was von den anderen Autoren lesen und hoffentlich erfahren, wie es deren Figuren in der Zwischenzeit so ergangen ist.

Wenn ich an diesem Buch selbst noch etwas kritisieren will, dann, dass die Autorin sich ein wenig vor dem Höhepunkt drückt. Die sehr schön vorbereitete Konfrontation findet hauptsächlich im Off statt und deren Ergebnisse werden nur kursorisch im Epilog präsentiert. Dies führt leider auch dazu, dass ein dabei deutlich werdender Entwicklungssprung einer Hauptfigur nicht völlig plausibel ist, da wir die Erfahrungen, die dazu führen, nur bedingt miterleben. Das mag dem begrenzten Raum geschuldet sein, der der Geschichte zur Verfügung stand. Aber statt deswegen am Höhepunkt zu sparen, hätte eine Umbalancierung des Plots dem Buch vielleicht noch besser getan. (Im Nachhinein lässt sich so was ja bekanntlich leicht behaupten.)

Fazit

Nadine Boos hat mit »Der Schwarm der Trilobiten« meiner Meinung nach das bislang beste Buch der Reihe vorgelegt, das das Hondh-Universum um einen faszinierenden Schauplatz mit interessanten Figuren bereichert. Bestellen und lesen!

Gelesen: Dirk van den Boom – Tentakelschatten (Tentakelkrieg 1)

Worum geht es?

Die Besatzung eines veralteten kleinen Torpedobootes gehören zu den ersten, die mitbekommen, dass das nach einem Kolonialkrieg geschwächte terranische Reich soeben seinen Erstkontakt mit einer außerirdischen intelligenten Rasse hatte. Und der besteht darin, dass ein einzelne Scouts in verschiedenen Sonnensystemen die Abwehrbereitschaft der Menschen testen. Es wird schnell klar, dass den Aggressoren nicht viel entgegenzusetzen ist. Außerdem warten da, wo die Scouts herkamen, noch ganze Invasionsflotten. Und während die die ersten Systeme einnehmen, ist die Führung der Menschheit eher mit Intrigen untereinander beschäftigt, als damit, eine effektive Verteidigung zu organisieren. Währenddessen beginnt auf den gefallenen Planeten der Kampf um das nackte überleben.

Was gefällt?

Das ist gradlinige Military-Science-Fiction ohne Schnörkel. Dadurch, dass es auch Szenen gibt, die aus der Perspektive der Invasoren geschrieben wurden, wird aber schnell klar, dass diesen nicht pauschal das Prädikat „böse“ verpasst werden kann, sondern dass sie tatsächlich einfach fremd sind und an ihr Verhalten keine menschlichen Bewertungsmaßstäbe angelegt werden können.

Die verschiedenen Handlungsstränge ergänzen sich schön und zeichnen ein umfassendes Bild einer wenig wünschenswerten, aber nicht abwegigen Zukunft für die Menschheit. Action, Intrige, Planung und Emotion halten sich dabei die Waage.

Ein ausgefallenes Detail ist dabei, dass die Dienstränge nicht wie üblich auf angloamerikanischer Tradition aufbauen, sondern dem französischen Sprachraum entnommen sind.

Was gefällt nicht?

Die französischen Dienstränge haben mich zunächst auf eine falsche Fährte geführt: bei einem »Marechal« handelt es sich Mitnichten um einen (Feld-)Marschall, sondern um einen Unteroffizier.

Einige Darstellungen sind recht dicht am Klischee, insbesondere die aufrechten Soldaten/Offiziere, die von machtgierigen Admiralen verheizt werden; die selbstsüchtigen Lokalpolitiker und Wirtschaftsfunktionäre etc. Aber das stört nicht sonderlich und sorgt vielmehr dafür, dass man schnell in die Geschichte hineinfindet.

Unschöner fand ich dann schon, dass das Buch mitten in der Handlung endet und viele Punkte offen lässt. Glücklicherweise besitze ich den Omnibus, der die komplette erste Tentakel-Trilogie beinhaltet, so dass ich jederzeit nach Wunsch mit der Lektüre fortfahren kann.

Fazit

Dirk van den Boom hat hier einen rasanten Auftakt zu einer MilSF-Serie hingelegt, die inzwischen auf sechs Bände angewachsen ist. Ich freue mich auf die fünf, die noch vor mir liegen.

Gesehen: Elementary – Season 1

(Oder zumindest so weit, wie es im Free-TV schon gelaufen ist.)

Worum geht es?

Die Tagline sagt es schon: New Holmes. New Watson. New York.
Ähnlich wie die BBC-Produktion »Sherlock« verlegt auch »Elementary« die klassische Geschichte in die Neuzeit. Als US-Produktion geht die aber noch zwei Schritte weiter: der Schauplatz ist New York und Watson ist eine Frau.
Joan Watson ist eine ehemalige Chirurgin, die als Suchtbetreuerin Abhängigen in den ersten Wochen und Monaten nach dem Entzug zur Seite steht.
Ihr neuester Fall ist der beratende Detective Sherlock Holmes, Der nach der Ermordung seiner Geliebten Irene Adler den Drogen verfiel und schließlich aus London in die neue Welt flüchtete.
Von Sherlocks Vater engagiert (wovon ich übrigens noch nicht überzeugt bin!), zieht die bei dem ebenso exzentrischen wie brillanten und sozial inkompetenten Detektiv ein und begleitet ihn auch bei seinen unentgeltlichen Beratungen für das NYPD. Und schneller als die sich eingestehen möchte, findet sie Gefallen an der Tätigkeit als Ermittlerin.

Was gefällt?

Natürlich gibt es jede Woche ein Verbrechen zu lösen, das meist einem Sherlock Holmes angemessen skurril ist und auch weitestgehend ohne die Unterhaltung störende Logiklöcher auskommt. Allein das ist schon eine Leistung für eine Fernsehserie.
Was » Elementary« aber herausragend macht, ist die Figurenentwicklung. Wie Holmes und Watson im Laufe ihre Beziehung definieren und entwickeln, zunächst Partner und dann sogar so etwas wie Freunde werden, ist großartiges Charakterdrama.
Dabei steht für mich Watsons Entwicklung zur gleichberechtigten Ermittlerin und die Entdeckung ihrer diesbezüglichen Kompetenzen sogar noch ein wenig mehr im Vordergrund.
Aber auch Holmes Öffnung gegnüber Watson trotz seiner prinzipiellen Ablehnung von Menschen wird subtil und glaubwürdig dargeboten.
Sehr schön zu erkennen in einer Szene gegen Ende der Staffel, in der die Detektive einem Verdächtigen am Mord an Irene eine Falle stellen. Holmes hatte bereits einige Folgen zuvor einen Verdächtigen entführt und gefoltert. Watson möchte wissen, warum sie ihm glauben soll, dass er das nicht wieder tut.
Holmes: »Das, was sich empirisch gesehen an mir seitdem geändert hat, sind Sie!«
Watson: »Das ist das schönste Kompliment, das ich je bekommen habe.«

Was gefällt nicht?

Da gibt es nicht so viel. Ich bin noch nicht ganz sicher, ob mir die Entwicklungen, die sich zum Ende der Staffel hin andeuten, so besonders zusagen werden bzw. welchen Trick sich die Macher ausgedacht haben, um das glaubwürdig in die Geschichte einzubauen. Im Moment tendiere ich noch dazu, mir zu wünschen, die Produzenten wären konsequenter gewesen. Aber abwarten.
Was mir im Umfeld der Serie absolut nicht gefällt, ist die Veröffentlichungspolitik: keine Blu-Ray, dafür DVD-Halbstaffeln zu je über 30 EUR. Das ist indiskutabel.

Fazit

Absolut empfehlenswerte Renovierung des Mythos Holmes & Watson, die hier endlich gleichberechtigte Partner sind, die sich keinesfalls im Schatten des britischen Cousins zu verstecken braucht, ganz im Gegenteil, gelingt doch Miller im Vergleich zu Cumberbatch ein – bei aller nötigen Überheblichkeit – deutlich sympathischerer Meisterdetektiv

Was kann man als Autor lernen?

Mit einem Twist lässt sich auch aus scheinbar verbrauchten Konzepten noch Aufregendes schaffen. Hauptsache, man nimmt kompetente, aber nicht übermächtige Figuren und bietet ihnen ein Umfeld, in dem sie ihre Stärken ausspielen können und ihre Schwächen überwinden müssen.
Und die eigentliche Geschichte spielt sich immer zwischen Menschen ab.