Oh, Captain, mein Captain – Geek Quest #01: Der Brief 

Roland alias Nerdlicht, Eskapismus-Linker, Schlumpffreund, Legominifigurensammler und Ex-Caster bei Ausgespielt, hat mir bereits zweimal Blogstöckchen zugworfen, die ich jeweils freudig aufgefangen, zu einem Blogeintrag geschnitzt und dann … zum Feuerholz hinterm Haus gelegt habe, weil ich zu schüchtern war, sie weiter zu werfen. Vielleicht hatte ich Angst, jemanden am Kopf zu treffen, wer weiß.

Vor einiger Zeit machte er über seinen Twitter-Account aber mich (und vermutlich auch andere) auf eine Aktion aufmerksam, die (zumindest in der ersten Runde) das Blog beleben kann, ohne dass ich dabei anderen Bloggern zu Nahe treten müsste:

Gemeint war die Geek Quest von Fried Phoenix, eine über ein Jahr laufende Herausforderung an Blogger mit zweiwöchentlichen Aufgaben. Die erste lautet: Schreibe einen Brief an das Stückchen Popkultur, dass dich 2016 am meisten bewegt hat. (Wie das aussehen kann, kann man zum Beispiel bei Fried Phoenix selbst zum Thema DSA, natürlich bei Nerdlicht (Perry Rhodan) oder auch in sehr (diskussions-)anregender Form bei Fragment Ansichten (Age of Wonders) lesen.)

Ich dachte, so ein Brief müsste sich doch schreiben lassen. Doch dann kam der schwierige Teil: Worüber denn schreiben? Was hat mich im Jahr 2016 am meisten bewegt? Die Zeit bis zum Ende der ersten Aufgaben rückte näher und schließlich kam mir doch noch eine Idee und daher kommt hier jetzt der Brief (nachdem ich eigentlich schon einen ganzen Blog-Eintrag auf diese Einleitung verwendet habe.)

Lieber Captain,

endlich sind Sie zurück, wir haben Sie vermisst. Ich habe Sie vermisst. In welchen Untiefen ungeklärter Rechte und unprofitabler Vermarktung mussten Sie sich bloß rumtreiben?

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Aber Beständigkeit war ja noch nie Ihre große Stärke, Captain. Ich habe noch eine düstere Ahnung davon, wie wir uns kennen lernten. Das Internet sagt, es muss wohl 1983 gewesen sein, im Ferienprogramm des ZDF. Ich war Ihnen, Ihrem Schiff und Ihrer Mannschaft sofort verfallen. Ganz bestimmt haben Sie mich und mein Interesse für die Science-Fiction geprägt, keine Frage.

Im nächsten Jahr wartete ich auf die Rückkehr Ihrer Comet, so wie andere auf die Rückkehr des Halleyschen Kometen warten, wenn Sie wissen, was ich meine, aber was war das? Nur für einen kurzen Augenblick ließen sie sich auf dem damals noch winzigen Bildschirm blicken und verschwanden gleich wieder? Wie konnte das sein? Gefühlt wartete ich jedes Jahr wieder und wieder. Aber Sie blieben verschwunden, waren weiter gezogen wie der besagte Komet.

Apropos Komet: Glücklicherweise gab es damals in meiner Verwandtschaft sogar schon einen Videorekorder, auf dem einige Ihrer Abenteuer festgehalten worden waren. Und hin und wieder durfte ich da ein bisschen gucken. Meistens dann den Anfang der Cassette. Ja, damals benutzte man für audiovisuelle Aufzeichnungen Magnetbänder ohne wahlfreien Zugriff. Somit sah ich also wieder und wieder, wie Sie Joan an die Elektromenschen, die im Schutz jenes Kometen lebten, verloren. Und ich sah niemals, wie Sie sie retteten, denn diese Aufzeichnung fehlte leider.

Ehrlich gesagt fand ich die Elektromenschen schon recht gruselig damals. Und Sie haben es ja sogar bis in eines meiner Schulbücher geschafft zu der Zeit. Dort wurde behauptet, Sie wären kein gutes Vorbild für Kinder, wären zu gewalttätig, zu brutal. Die Meinung konnte ich natürlich überhaupt nicht teilen. Und beim Vergleich mit dem heutigen Kinderprogramm entlockt so ein Artikel vermutlich nur noch ein mitleidiges Schmunzeln.

Ansonsten blieb mir nur ein Handvoll Comic-Hefte, die zum einen schnell völlig zerlesen waren und zum anderen inhaltlich doch eher schwache Kost boten. Dennoch wollte ich Ihrem Vorbild nacheifern, baute mir aus Lego Laserpistolen nach und bildete mir ein, gemeinsam mit einem Roboter und einem Androiden durch das Sonnensystem zu reisen.

Während ich den imaginären Freunden entwuchs fanden Sie den Weg zurück auf die Bildschirme nicht oder nur auf obskuren Sendern zu obskuren Zeiten, die in dieser wenig internetisierten Epoche an mir vorbeigingen. So blieben wir einander fern, manchmal auch in Gedanken. Doch ein kleiner Funken der Erinnerung glomm beharrlich und wurde schließlich wieder angefacht, erst durch den Soundtrack, der immer wieder in meinen Playlisten auftaucht und später durch das erscheinen der ersten DVDs, kurz nach der Jahrtausendwende. Die Freude war groß, die Ersparnisse gering, so dass die digitalisierten Abenteuer erst einmal im Geschäft statt in meinem Regal verblieben. Schließlich war es auch damals schon hinlänglich bekannt, dass DVD-Preise recht schnell fallen und ich hatte die Geduld, auf einen Schnäppchenpreis zu warten. Ich hatte immerhin 15 Jahre gewartet, was sollten da ein, zwei mehr schon ausmachen?

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Doch wieder wurden meine Erwartungen enttäuscht. Die Auflage der DVDs schien nicht allzu hoch gewesen zu sein und war eines Tages ausverkauft. Anscheinend war es auch anderen gegangen wie mir, denn die Gebrauchtpreise stiegen und stiegen und erreichten ein Niveau, das ich selbst für Sie, meinen alten Freund, nicht bereit war, mitzugehen, auch wenn ich es mir inzwischen leisten konnte. Ich hatte schon einmal gewartet, ich konnte wieder warten. Jahr für Jahr schwand jedoch meine Hoffnung auf eine Neuauflage dahin, wurde die Versuchung, doch noch ein gutes Exemplar der alten DVDs aufzustöbern größer.

Bis dann, es muss wohl im Juli oder August der erlösende Newsletter in den Posteingang trudelte. Captain Future wurde angekündigt, nicht nur auf DVD, sondern auch auf Blu-Ray, mit ungekürztem japanischen Original. Fast ohne mein Zutun zuckte der Finger zur Maus und der Mauszeiger auf den Bestellknopf. Fast. Wenn nicht, ja wenn nicht der Preis wäre. Nun ja, es war ja nur eine Vorbestellung, redete ich mir ein. Ich kann sie ja rechtzeitig vor der Lieferung noch wieder stornieren, redete ich mir ein. Aber wie könnte man das tatsächlich einem Freund antun, auf den man über 30 Jahre gewartet hat? Natürlich stornierte ich nicht. Und so sind Sie jetzt also endlich wieder bei mir, Captain, mein Captain. Und ich hoffe, dass ich in der Zwischenzeit nicht zu sehr gealtert bin, um mich bei den Elektromenschen zu gruseln, um um die Rückverwandlung der Tiermenschen zu bangen oder um über Ihre Darstellung eines tölpischen Schauspielers zu lachen.

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Also, Captain, auf die nächsten 30 Jahre, diesmal Seite an Seite!

Ihr Freund

Merlin