Auf einen Wurmlochsprung ins Vorkosiverse

(Anmerkung: dieser Artikel erschien zuerst im Juni 2014 in der Abschiedsausgabe 300 des im letzten Jahres eingestellten Fanzines »Fandom Observer«.)

Noch wenige Seiten und eine 25-jährige Geschichte ist vorüber. Damit die Leser nach dem regelmäßigen monatlichen Genuss von 300 Ausgaben Fandom Observer (okay, bei mir waren es nur etwa 30) nicht in eine Sinnkrise stürzen, muss Ersatz her. Etwas, das die Stunde pro Monat mit Lesespaß füllen kann. Hier kommt in letzter Sekunde meine Empfehlung dafür, die ich den Fandom-Observer-Lesern schon lange ausgesprochen haben wollte.

Ich lernte Miles vor rund zwanzig Jahren kennen. Er war gerade dabei, sich seinen Lebenstraum zu erfüllen, indem er die Aufnahmeprüfung für die kaiserlich-barrayanische Militärakadamie ablegte. Die theoretischen Prüfungen hatte er bereits hinter sich und wie es seine Natur war, ging er davon aus, diese mit Bravour bestanden zu haben. Und vermutlich hatte er recht. Doch jetzt lag die physische Prüfung vor ihm, ein Hindernislauf. Noch vor der ersten Wand hatten die anderen Kandidaten ihn abgehängt, aber damit hatte er gerechnet. Womit er nicht gerechnet hatte, war der Übermut, der ihn erfüllte, als er die Wand erklommen hatte. Er fühlte sich unbesiegbar und entschied sich hinunterzuspringen, anstatt hinabzuklettern. Er brach sich beide Beine, seine Prüfung war gelaufen und sein Großvater starb noch in derselben Nacht an der Enttäuschung darüber.

Miles ist natürlich Miles Naismith Vorkosigan, Hauptfigur der (meisten Bände der) Vorkosigan-Saga (auch Barrayar-Zyklus genannt) von Lois McMaster Bujold. Seit den ersten Seiten, die ich gelesen habe, bin ich den Büchern verfallen und halte sie noch immer für die beste SF-Serie, die ich kenne. Deswegen möchte ich sie euch jetzt schmackhaft machen.

Und natürlich kenne ich Miles nicht persönlich, aber durch die hervorragende Charakterisierung in den Büchern, habe ich das Gefühl, ihn gut zu kennen. Denn die Konzentration auf die Figuren ist das herausragende Kennzeichen der Barrayar-Romane. Aus den Figuren und ihren Beziehungen untereinander entsteht viel der Faszination, die diese Bücher auf mich ausstrahlen. Darum soll ihnen der erste Blick gewidmet werden.

Miles Vorkosigan ist die Hauptfigur, doch die Geschichte beginnt mit dem Kennenlernen seiner Eltern in »Scherben der Ehre«. Cordelia Naismith ist Kommandantin eines Forschungsschiffes von Kolonie Beta, einer sehr fortschrittlichen Welt. Sie und ihre Mannschaft erkunden eine neuentdeckte, potentiell besiedelbare Welt. Doch zum gleichen Zeitpunkt hat auch eine militärische Expedition vom rückständigeren Planeten Barrayar unter dem Kommando von Lord Aral Vorkosigan Interesse an dem Planeten, um einen Brückenkopf für eine Invasion auf dem Planeten Escobar zu errichten.

Vorkosigan nimmt Naismith gefangen, wird aber gleichzeitig von Meuterern in seiner eigenen Mannschaft auf dem Planeten ausgesetzt und er muss mit seiner Gefangenen zusammenarbeiten, um sich durch die menschenfeindliche Wildnis zu einem Versorgungsdepot durchzuschlagen.

Hier sieht man schon, dass Bujold ihr Handwerk versteht. Sie bringt reihenweise Konflikte ein und sorgt dafür, dass ihre Figuren es nicht zu leicht haben, indem sie ihnen alles an Hindernissen vorwirft, was ihr einfällt. Und sie erschafft die Figuren, die mit diesen Hindernissen nicht nur umgehen können, sondern an ihnen wachsen. Das trifft sicherlich auf Cordelia und Aral zu, die sich im zweiten Band der Reihe, »Barrayar«, in den Wirren eines Bürgerkrieges wiederfinden. Noch viel mehr aber auf ihren Sohn. Miles kommt mit schweren körperlichen Schädigungen auf die Welt, die ein Giftgasanschlag auf seine Eltern während der Schwangerschaft hervorgerufen hat. Auf Barrayar gilt er dadurch als auszumerzender Mutant. (Und sein Großvater ist der erste, der in der Schlange ansteht, um seinen Enkel in einer Regentonne zu ersäufen.)

Miles Vorkosigan ernährt sich geradezu von Konflikten und Hindernissen, er stürzt sich auf sie und ringt sie nieder, nur um dabei schon Ausschau nach der nächsten, größeren Herausforderung zu suchen. Damit versucht er, sich und seiner Umwelt seinen Wert in der kriegerisch-körperlich geprägten barrayanischen Gesellschaft zu beweisen; daraus stärkt er sein durch die körperliche Behinderung angreifbares Selbstvertrauen. Wenn es ihm allerdings nicht gelingt, eine Herausforderung zu bestehen, wie die eingangs erwähnte Aufnahmeprüfung an der Akademie (»Der Kadett«), dann bricht das fragile Konstrukt in sich zusammen und Miles verfällt in eine depressive Phase. Lediglich neue, herausfordernde Probleme, auf deren Lösung er seinen strategisch brillanten Verstand konzentrieren kann, können ihm neuen Antrieb verschaffen. Wenn er an einer Herausforderung Interesse gefunden hat, dann ist Miles eine Naturgewalt, die sich durch nichts und niemanden stoppen lässt – und das ein oder andere Mal auch deutlich über das gesetzte Ziel hinausschießt. Nicht ohne Grund ist das Rollenspiel zur Vorkosigan-Saga mit dem Motto »Forward Momentum!« überschrieben.

Ein gutes Beispiel ist die Aufgabe, derer er sich annimmt, nachdem ihm die Aufnahme an der Akademie verwehrt wurde. Der Versuch, die Mutter seiner Jugendfreundin und heimlichen Liebe Elena ausfindig zu machen, die in den Wirren der Invasion auf Escobar (siehe oben) verschwunden ist (und Elena damit für sich einzunehmen), führt dazu, dass Miles wenige Wochen später völlig unabsichtlich Admiral einer eigenen Söldnerflotte ist, die ein ganzes Sonnensystem beherrscht. Und damit beginnen seine Schwierigkeiten erst.

Das mag nach einer abstrusen Handlung klingen, doch es ist Bujolds Talent zu verdanken, dass das beim Lesen als ganz zwangsläufige Entwicklung erscheint, die die Autorin nicht vorgibt, sondern die sich ganz organisch aus den Figuren und deren allzeit nachvollziehbaren (Re-)Aktion heraus ergibt.

Miles als Flottenkommandant ist dann auch die Ausgangslage für die nächsten Bände des Zyklus. Dennoch erwartet den Leser nicht (nur) Military-Space-Opera, wie vielleicht anzunehmen wäre. Die Handlungen und Themen sind vielfältig: Gefangenenbefreiung, diplomatische Missionen, Kriminalfälle, Spionage, Attentate, Adelsintrigen – und als mein persönlicher Höhepunkt der Reihe eine herausragende Romanze. Meiner Meinung nach sind die Vorkosigan-Romane immer dann am besten, wenn Miles sein strategisches Geschick anzuwenden versucht, um eine Frau zu erobern – und natürlich grandios scheitert.

Bei aller Leichtigkeit der Erzählweise, so werden in den Romanen immer auch ernsthafte Themen behandelt: Terrorismus, Krieg, genetische Verbesserungen, Homophobie und immer wieder die Frage nach der (eigenen) Identität und dem Menschsein an sich und der daraus hervorgehenden Verantwortung für die eigenen Taten, aber auch die anderer.

Dass diese Mischung ankommt, zeigt sich nicht zuletzt daran, dass Bujold für die Erzählungen und Romane aus dem Barrayar-Universum insgesamt vier Hugos sowie je zwei Locus und Nebula Awards erhalten hat. (Für einen Band aus einer ihrer zwei Fantasy-Reihen hat sie darüber hinaus auch noch mal alle drei Preise erhalten.) Unter diesem Aspekt gehört sie damit zu den erfolgreichsten Science-Fiction-Autoren überhaupt.

Dennoch ist die Aufmerksamkeit, die sie und ihre Vorkosigan-Saga in Deutschland erfahren, recht gering. Nachdem in den 90er einige Einzelbände erschienen waren, die nach einiger Zeit zu horrenden Preisen auf eBay und Co. gehandelt wurden, erschienen zwischen 2004 und 2006 noch einmal alle Bände der Reihe in Sammelbänden im Heyne-Verlag. Doch seitdem ist es ruhig. Die letzten beiden Bände – »CryoBurn« und »Captain Vorpatril‘s Adventure« – sind auf Deutsch gar nicht mehr erschienen. (Kleiner Wink an mitlesende Verleger.)

Und auch über die deutschsprachigen Gebiete hinaus ist die Fan-Aktivität eher gering. Es gibt eine fan-betriebene, offizielle Website (hauptsächlich) zum Barrayar-Zyklus, die aber seit zwei Jahren nicht mehr aktualisiert wurde erfährt und eine darüber erreichbare Mailingliste (über die ich aber nichts weiter sagen kann). Allerdings betreibt Bujold einen Blog unter dem Goodreads-Dach.

Außerhalb des Internets gibt es an begleitenden Werken den »Vorkosigan Companion«, ein Taschenbuch, das einige Artikel, Interviews und eine ausführliche Lexikographie zum Thema versammelt, ein auf Gurps basierendes Vorkosigan-Rollenspiel, einen Sammelband mit Reden und Essays von Bujold sowie eine Sammlung mit Essays über sie und ihr Werk.

Wer jetzt auf den Geschmack gekommen ist und die durch den Verlust des Fandom Observers freiwerdenden Stunden mit einem Blick in das Vorkosiverse füllen möchte, der kann das am einfachsten mit den englischsprachigen E-Books tun. Auch die englischen Taschenbücher sollten über entsprechende Händler einfach zu bekommen sein. Doch für die deutschen Ausgaben hilft nur die Suche auf den einschlägigen Gebrauchtseiten. Die Preise sind derzeit durchaus akzeptabel.

Ich würde empfehlen, die Bücher in der Reihenfolge ihrer Handlungschronologie (siehe unten) zu lesen. Die Figuren über einen längeren Zeitraum zu begleiten, führt gerade bei dieser Serie zu einer tieferen Verbundenheit und fördert den Genuss einiger späterer Entwicklungen. Denn bei den Barrayar-Büchern wird mitnichten am Ende der große Reset-Knopf gedrückt, so dass alles wieder ist wie vorher. Ganz im Gegenteil, es gibt teilweise einschneidende Veränderungen und Figurenentwicklungen.

Ein Wort der Warnung noch an Technikfetischisten: für euch ist diese Serie eher nicht geeignet. Natürlich gibt es Technologien wie Wurmlochsprünge, Bodengleiter, Nervendisruptoren und Klonen, aber sie sind halt einfach da und werden nicht großartig erklärt. Das führt aber dazu, dass die Bücher trotz eines Zeitraumes von rund 30 Jahren, in denen sie entstanden sind, ein konsistentes Bild zeigen und auch heute noch in dieser Hinsicht gut zu lesen sind, ohne veraltet zu wirken.

Oder, um den ganzen Zyklus noch mal mit den Worten seiner Schöpferin zusammenzufassen:

»I don’t see SF as „about“ science, but rather as about human response to science-driven change.« Lois McMaster Bujold, »Dreamweaver’s Dilemma«

So sehe ich das auch. Und jetzt: lest! Der Barrayar-Zyklus (handlungschronologisch, basierend auf den Sammelbänden von Heyne):

  • Cordelias Ehre
    • Scherben der Ehre
    • Barrayar
  • Der junge Miles
    • Der Kadett
    • Die Berge der Trauer (Erzählung)
    • Der Prinz und der Söldner
  • Gefährliche Missionen
    • Cetaganda
    • Ethan von Athos
    • Labyrinth (Erzählung)
  • Der Doppelgänger
    • Die Grenzen der Unendlichkeit (Erzählung)
    • Waffenbrüder
    • Spiegeltanz
  • Die Revolte
    • Viren des Vergessens
    • Komarr
  • Der Botschafter
    • Botschafter des Imperiums
    • Geschenke zum Winterfest (Erzählung)
    • Diplomatische Verwicklungen
  • Captain Vorpatril’s Alliance (nicht auf Deutsch erschienen)
  • CryoBurn (nicht auf Deutsch erschienen)

Weiterführende Links:

3 Gedanken zu „Auf einen Wurmlochsprung ins Vorkosiverse

  1. Ist zwar interessant (wenn mein SUB nur nicht diese Ausmaße hätte), liest sich aber so früh am Morgen ohne Absatzgliederung nicht ganz so leicht. 😉

    • Hast du mal probiert, »Mein Name sei Gantenbein« zu lesen? Daran hatte ich mich orientiert. Ich wollte mal etwas literarischer schreiben.
      (Entweder das, oder beim Copy-und-Paste ist was schiefgegangen, aber das kann ich mir nicht vorstellen.)

      • Ich versuche seit Jahren vergeblich, José Saramagos „Die Stadt der Blinden“ zu lesen, weil mich der Roman und Saramagos zweifellos vorhandenes Können faszinieren. Tja, da gibt es keine Anführungszeichen bei wörtlicher Rede, die Protagonisten haben keine Namen, und wenn man Glück hat, kommt alle paar Seiten mal ein Absatz. Ansonsten nur Textwüstenblock – selbst mit hoher Konzentration war es mir nicht immer möglich zu erkennen, wer gerade spricht, wenn etwas gesagt wird. Zurückblättern und nochmal lesen ermüdet mich, weil ich dabei irgendwann das Interesse am großen Ganzen verliere.

        Allmählich komme ich zu der Erkenntnis, dass ich Romane oder Geschichten, die es unter dem Anspruch, hochliterarisch verfasst zu sein, dem Leser bewusst schwer machen, einem Text zu folgen, nicht unbedingt lesen muss, auch wenn sie mich an sich interessieren. Wenn ein Autor mein Interesse als Leser gewinnen will, muss er mir die Chance geben, seinem Text auch mal folgen zu können, wenn ich nicht volle 110% Konzentration zum Lesen aufbringen und einen Text Satz für Satz analysieren kann oder mag. Genauso halte ich es übrigens mit allzu platt und simpel formulierten Texten. Wenn ein Autor mir nicht mal ein Mindestmaß an Kombinationsgabe zutraut und mich krass unterfordert, verliere ich auch sehr schnell das Interesse an einem Text.

        Ist natürlich alles nur meine völlig subjektive und nicht maßgebliche Sicht der Dinge und erhebt keineswegs Anspruch auf Allgemeingültigkeit. 😀

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