Gelesen: Nadine Boos – Der Schwarm der Trilobiten (Die neunte Expansion – Band 4)

Vorbemerkung

»Der Schwarm der Trilobiten« ist der vierte Band der Shared-Universe-Reihe »Die neunte Expansion« (D9E), die vierteljährlich als Taschenbuch und E-Book im Wurdack-Verlag erscheint. Die Reihe ist hervorgegangen aus einer Diskussion im SF-Netzwerk mit dem Thema »Was müsste eine neue Romanserie drauf haben«.

Der gemeinsame Hintergrund der Romane ist die Tatsache, dass die mysteriösen Hondh in einer ihrer regelmäßigen Expansionsphasen die Erde überrannt und unter ihre Kontrolle gebracht haben. Dann haben sie ihren Eroberungszug eingestellt und die ehemaligen Kolonien der Menschheit sich selbst überlassen. Jetzt, 500 Jahre später, sind die Hondh für viele nur noch ein Mythos – aber für einige sind sie eine sehr reelle Gefahr, denn sie befürchten, dass die nächste Expansion der Hondh unmittelbar bevorsteht und über die unvorbereiteten Planeten hinwegfegen könnte wie ein Herbststurm über einen Laubhaufen. Was diese vereinzelten Mahner unternehmen, um sich gegen die Hondh zu wappnen, haben bislang Dirk van den Boom (»Eine Reise alter Helden«), Niklas Peinecke (»Das Haus der blauen Aschen«) und Matthias Falke (»Ein Kristall in fernen Himmeln«) in ihren D9E-Romanen beschrieben. Als vierte im Bunde folgt ihnen Nadine Boos jetzt mit »Der Schwarm der Trilobiten«.

(Eine Anmerkung noch: ich bin auf die ein oder andere Art lose mit dem Projekt verbunden, aber was ich hier schreibe, ist nur meine ganz persönliche Meinung.)

Worum geht es?

Trixi Darjeeling ist die Erbin eines der mächtigsten Häuser auf dem Planeten Andesit, der sich gemeinsam mit einigen anderen vor Jahrhunderten von der Erde losgesagt und jeden Kontakt abgebrochen hatte. Doch die Vorstellung, den Plänen ihrer Großmutter zu folgen, die unter anderem eine arrangierte Ehe mit dem Diplomaten Karolus, einem Spross der anderen mächtigen Familie des Planeten gehört, provoziert den Widerspruchsgeist der jungen Frau. Um der Hochzeit und einem bevorstehenden Flugverbot aufgrund einer allgemeinen Mobilmachung aufgrund von Gerüchten über eine Invasion der Hondh zu entgehen, setzt Trixi einen schon lange gehegten Fluchtplan vorzeitig in die Tat um und startet mit ihrer selbstgebauten Skolopendra in ein Nachbarsystem. Doch es läuft nicht ganz so wie geplant. Nicht nur hat ihre Großmutter dafür gesorgt, dass Trixis Verlobter ebenfalls an Bord ist, darüber hinaus kommt es auch noch zu einem ungeplanten Erstkontakt mit einer fremden Spezies.

Auf Andesit muss Trixis Großmutter Bronja gleichzeitig um den Erhalt ihrer Macht im Verhältnis zu den anderen Familien, aber auch um ihr Leben kämpfen, das in Gefahr gerät, als es zu einem Aufstand der Arbeiterklasse gegen den herrschenden Adel kommt.

Und dann ist da noch Kalmi, die als Kundschafterin der aquatischen Asmini auf der Suche nach einem Planeten ist, auf den ihr Volk vor den herannahenden Hondh fliehen kann.

Was gefällt?

Alles. »Der Schwarm der Trilobiten« ist ein hervorragendes Buch und das beste der D9E-Reihe bisher. Es gelingt der Autorin scheinbar mühelos – in Wirklichkeit vermutlich aber mit enorm viel Recherche- und Konzeptionsaufwand, würde ich vermuten – eine faszinierende Welt zu schaffen, in der nicht nur die typischen Männer- und Frauenrollen vertauscht sind, sondern die gleichzeitig auch vor einem sozialen Umbruch steht, der an den auf unserer eigenen Welt am Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts erinnert. (Manchmal hatte ich das Gefühl, ich lese einen Downton-Abbey-in-Space-Roman.)

Das, was wir über die Welt erfahren, ist sehr geschickt in die Perspektive der Figuren eingearbeitet, so dass niemals der Eindruck aufkommt, dass das Worldbuilding zum Selbstzweck verkommt und jetzt noch mal dringend auf zehn Seiten etwas darüber beschrieben werden müsste, weil es halt da ist. Nein, alles was in diesem Buch steht, muss auch darin stehen, weil es die Figuren charakterisiert, die auf dieser Welt aufgewachsen sind, angefangen bei der sozialen Schichtung bis hin zu Hobbys wie Ponyzucht und Pickelhaubensammeln.

Dass die Figuren sehr gut ausgearbeitet sind, ist damit schon angedeutet, sei hier aber noch mal explizit hervorgehoben. Alle haben ihre Stärken und Schwächen, ihre sympathischen und unsympathischen Moment und vor allem ihre eigenen Ziele, die sie in Konflikt mit anderen Figuren bringen und dafür sorgen, dass sich die Figuren weiterentwickeln (müssen).

Die Handlung auf mehreren miteinander verflochtenen Ebenen ist eher ruhig, aber dennoch spannend und jederzeit nachvollziehbar und schlüssig.

Was gefällt nicht?

Ein dem Konzept der Reihe geschuldetes Problem ist, dass es leider recht lange dauern wird, bis wir Leser erfahren, wie es in diesem Handlungsstrang weitergeht. Aber zum Trost können wir ja bald wieder was von den anderen Autoren lesen und hoffentlich erfahren, wie es deren Figuren in der Zwischenzeit so ergangen ist.

Wenn ich an diesem Buch selbst noch etwas kritisieren will, dann, dass die Autorin sich ein wenig vor dem Höhepunkt drückt. Die sehr schön vorbereitete Konfrontation findet hauptsächlich im Off statt und deren Ergebnisse werden nur kursorisch im Epilog präsentiert. Dies führt leider auch dazu, dass ein dabei deutlich werdender Entwicklungssprung einer Hauptfigur nicht völlig plausibel ist, da wir die Erfahrungen, die dazu führen, nur bedingt miterleben. Das mag dem begrenzten Raum geschuldet sein, der der Geschichte zur Verfügung stand. Aber statt deswegen am Höhepunkt zu sparen, hätte eine Umbalancierung des Plots dem Buch vielleicht noch besser getan. (Im Nachhinein lässt sich so was ja bekanntlich leicht behaupten.)

Fazit

Nadine Boos hat mit »Der Schwarm der Trilobiten« meiner Meinung nach das bislang beste Buch der Reihe vorgelegt, das das Hondh-Universum um einen faszinierenden Schauplatz mit interessanten Figuren bereichert. Bestellen und lesen!

3 Gedanken zu „Gelesen: Nadine Boos – Der Schwarm der Trilobiten (Die neunte Expansion – Band 4)

    • Einspruch, euer Ehren, Suggestivfrage. Ich denke nicht, dass du dem Begriff „langausgewalzt“ irgendwie eine positive Konnotation abgewinnen kannst, so dass jemand freudig sagen würde: „Ja, das will ich.“
      Und was die Frage eines Happy Ends angeht: hatten wir denn jetzt eines? Denn inhaltlich würde ich ja am Ende gar nichts ändern wollen.
      Aber der Sprung hat mich schon stolpern lassen. Ich bin für einen Augenblick aus der Geschichte rausgerissen worden und musste mich fragen: „Habe ich etwas verpasst? Wie ist es jetzt dazu gekommen?“
      Und es war auch in der Figurenentwicklung ein Bruch, der unnötig war. Die Ergebnisse der Verhandlungen waren ja schon spektakulär, da wäre bestimmt auch noch ein spannendes Kapitel auf dem diplomatischen Parkett drinnen gewesen. Und ich denke auch, dass Nadine das – wenn sie den Platz und/oder die Zeit gehabt hätte – da etwas Erinnerungswürdiges hätte schaffen können.
      Aber im Endeffekt ist das Mäkeln (ich mag es nicht mal „Jammern“ nennen) auf hohem Niveau, denn das Buch ist klasse.

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