Zum Stand der Schreibdinge XVI

Lange habe ich nicht mehr über den Stand der Schreibdinge berichtet, denn lange habe ich nicht geschrieben. Aber aus gutem Grund, denn ich habe überarbeitet. Allerdings nicht einen eigenen Text, sondern einen fremden Roman, für den ich das Lektorat übernommen habe.

Es mag für einen Autor merkwürdig klingen, an einem fremden Text zu arbeiten, anstatt einen eigenen zu verfassen, aber ich halte es für eine großartige Erfahrung und Lernmöglichkeit. Das wirklich Schöne ist, dass ich mir all die notwendigen Fragen stellen kann, ohne dass meine Antwort durch meine persönliche Beziehung zu dem Geschriebenen gefärbt wird: Ist diese Szene wirklich notwendig? Welche Bedeutung hat sie für dieses Buch? Würde sich diese Figur wirklich so verhalten? Weiß ich als Leser genug über die Hintergründe? Wie könnte diese Situation noch mit einem zusätzlichen Konflikt angeheizt werden? Welche Steine könnten dem Protagonisten hier noch in den Weg geworfen werden?

(Noch besser ist vielleicht, dass ich diese Fragen nicht beantworten muss, sondern der Autor des Romans. 🙂 )

Wenn es mir gelingt, diese Erfahrungen einigermaßen neutral auch auf meine eigenen Texte anzuwenden, dann dürfte das sehr wertvoll sein und ihre Qualität steigern.

Der andere große Gewinn für mich ist die Schaffung einer Gewohnheit. Da im Falle des Lektorats jemand anders von meiner Arbeit abhängig ist, nämlich Autor und Verlag, war der Druck viel größer, konsequent daran zu arbeiten. Und das hat dazu geführt, dass ich in den drei Wochen, die ich an dem ersten Lektoratsdurchlauf gearbeitet habe, eine (arbeits-)tägliche Gewohnheit entwickelt habe: in den Zug steigen, hinsetzen, Laptop aufklappen, Textarbeit.

Und diese Gewohnheit hoffe ich für mich selbst mitnehmen zu können. Bislang klappt es jedenfalls und ich bin beim Zugfahren ganz automatisch aufs Schreiben eingestellt, ohne dass ich überhaupt darüber nachdenken muss. Auch dieser und die letzten Blogeinträge entstanden auf der Fahrt.

Mal sehen, welchen Text ich als nächstes schreibe, während das Dampfross mich durch die Prärie zieht. Ah, ne, falsches Genre. Oder?

Gelesen: Jim Butcher – Death Masks (Book 5 of the Dresden Files) / Silberlinge

Worum geht es?

Harry Dresden nimmt an einer Fernsehtalkshow teil, um unauffällig von einem Informanten Informationen über seine verlorene Liebe Susan zu bekommen (die auf halben Weg zur Verwandlung in einen Vampir am Ende von Band 3 aus Chicago geflohen war). Einer der anderen Gäste entpuppt sich als mächtiger Vampir, der Harry zu einem Duell herausfordert, das – im Falle von Harrys Tod – den Krieg zwischen Vampiren und Magiern beenden würde. Ebenfalls vor Ort: ein Gesandter des Vatikan, der Harry damit beauftragt, das gestohlene Leichentuch von Turin wiederzubeschaffen. Als Harry mit seinem Auftraggeber zusammen das Fernsehstudio verlässt, werden sie von Handlangern des Gangsterbosses Marcone mit Gewehrfeuer erwartet. Schließlich ruft ihn sein Polizeikontakt Karen Murphy noch in eine Leichenhalle, in der ein Mann liegt, der an allen nur denkbaren Infektionskrankheiten gleichzeitig gestorben ist. Und auf dem Rückweg von dort, greift ein unvorstellbar mächtiger Dämon Harry in einer Gasse an.

Was gefällt?

Wie man sieht, geht es mal wieder rund im Leben von Harry Dresden. Auch diesmal wieder bekommt der Protagonist kaum eine Verschnaufpause und wird von allen Seiten vor unausweichbare Herausforderungen gestellt. Das unheimliche Tempo reißt einen als Leser mit.

Auch gibt es ein Wiedersehen mit verschiedenen interessanten Figuren aus den letzten Romanen, dazu aber auch wieder ein paar neue Bekanntschaften, die Lust auf mehr machen.

Schön ist auch, dass ein Handlungsfaden aus Band 3 hier endlich wieder aufgegriffen wird – wenn auch nicht unbedingt mit einem (mich) zufriedenstellenden Ergebnis.

Und schließlich schafft es Butcher wieder, ganz neue, in der Serie bislang ungenutzte mythologische Seiten aufzuschlagen, aus denen er sich hier bedient. Diesmal mit biblischem Hintergrund.

Was gefällt nicht?

Wie schon angedeutet, gefällt mir nicht sonderlich, wie einer der Handlungsfäden aufgelöst wird. Aber das ist persönliche Lesersicht. Plottechnisch kann das durchaus sinnvoll sein, mal sehen, was da noch nach kommt. (Obwohl ich wenig Hoffnung auf einen guten Ausgang habe, wenn ich einige Anmerkungen, über die ich im Internet bereits gestolpert bin, richtig deute. Bei einer so alten Serie ist es nicht immer leicht, alle Spoiler zu umgehen.)

Darüber hinaus ist das zwar ein rasantes Abenteuer, das schön an die vorhergehenden anschließt, aber mir fehlt da irgendwie etwas Neues, eine Weiterentwicklung. Das ist Mehr vom Gleichen, ja, und das Gleiche ist gut gemacht, aber beim fünften Mal nicht mehr so befriedigend wie die ersten Male.

Was kann man als Autor lernen?

Wie schon bei Band 3 beschrieben, sind die Dresden-Files-Romane meiner Meinung nach ein hervorragendes Beispiel dafür, dass man seinem Protagonisten immer das Schlimmste antun sollte, was man sich ausdenken kann. Wenn man eine Figur schafft, die das durchsteht, hat man fast sicher auch eine geschaffen, die es wert ist, dass man Bücher über sie schreibt.

Fazit

Ermüdungserscheinungen? Ich weiß nicht recht. Vielleicht ein wenig bei mir als Leser. Ich glaube nicht, dass man sie dem Autor anlasten kann. Bislang hatte ich nach dem Ende eines Bandes immer gleich den nächsten gekauft, um ihn auf dem Kindle griffbereit zu haben, wenn das Verlangen mich überkommt. Dieses Mal war ich lange der Meinung, dass ich es nicht tun würde. Aber nach dem rasanten Finale habe ich dann doch wieder den Kaufknopf gedrückt. (Zumal ich auch schon gehört habe, dass die Serie sich noch steigern soll. Das will ich dann ja doch nicht verpassen.)

Schlusslicht

Am Wochenende wurden die diesjährigen Preisträger des Kurd-Laßwitz-Preises bekanntgegeben. Ich gratuliere insbesondere Michael Marrak zur besten Erzählung und Wolfgang Jeschke zu seinem KLP-/DSFP-Doppelsieg, sowie dem Team vom Fandom Observer zum Ehrenkurd. Aber natürlich auch meine Gratulation für allen anderen Gewinnern und Platzierten.

Meine Geschichte »Operation Heal« hat in der Kategorie Erzählung den siebten Platz gemacht. Von sieben. Da ist noch Luft nach oben. (Was nichts daran ändert, dass ich es bereits als schöne Anerkennung sehe, nominiert worden zu sein.) Zwei Aspekte trösten mich jedoch: Erstens bin ich noch vor der Abstimmungsoption »Keine preiswürdige Geschichte« ins Ziel gegangen. Und Zweitens habe ich mehr Punkte geholt als der HSV in der letzten Saison.

Für das im Vergleich zum DSFP schlechtere Abschneiden meines Beitrags haben meine Analysen drei Erklärungsansätze zu Tage gefördert:

1) Den Abstimmungsberechtigten des KLP gefiel die Geschichte einfach weniger gut als der Jury des DSFP.

2) Da beim KLP im Vergleich zum DSFP, bei dem eine dedizierte Jury sich bemüht, alle nominierten Werke zu lesen, alle im Bereich der Science-Fiction tätigen Autoren, Verleger, Grafiker etc. abstimmungsberechtigt sind, werden viele halt für die Werke stimmen, die sie sowieso kennen. Und da haben Beiträge, die in einem Magazin wie Nova oder Exodus erscheinen, einfach eine größere Verbreitung als eine Geschichte, die zu einem sehr speziellen Thema in einem sehr kleinen Büchlein in einem recht kleinen Verlag erschienen ist.

3) Wenn man sich die Bilder der Platzierten in der Kategorie Erzählung anschaut, ist ganz offensichtlich, was der tatsächliche Grund für das Abschneiden meiner Geschichte ist: Bartträger werden systematisch diskriminiert und haben von Anfang an keine Chance auf den Sieg. (Das erklärt auch, dass Thorsten Küper regelmäßig der Preis verwehrt wird.) Ich bin mir nur noch unsicher, wie ich mit dieser Erkenntnis umgehen werde: nehme ich den Kampf gegen das glattrasierte Establishment auf oder kaufe ich mir einen Gilette Fusion Superglide 3000? (Gerade kommt mir noch eine dritte Idee. Ich könnte das tun, was man als Autor halt so tut: eine Geschichte daraus machen – und mit der dann den KLP gewinnen *evilgrin*.)

Wie dem auch sei: es war auf jeden Fall ein spannendes Erlebnis, zum ersten Mal für Preise nominiert zu sein. Dass ich gewinne, hatte ich gar nicht erwartet und daher bin ich über das Ergebnis auch nicht enttäuscht. Vielmehr freue ich mich darüber, dass meine Geschichten wahrgenommen werden und offensichtlich auch von einigen für preiswürdig gehalten werden. Vielen Dank dafür.

300 mal dem Fandom auf die Finger geschaut

Vor wenigen Tagen ist die dreihunderste und damit wie schon vor über einem Jahr angekündigt letzte Ausgabe des Phantastik-Magazins »Fandom Observer« erschienen. Fünfundzwanzig Jahre lang jeden Monat eine Ausgabe zu veröffentlichen, das ist schon eine beachtliche Leistung.

Und auch wenn ich Verständnis dafür habe, dass die Luft raus ist, so finde ich es doch traurig, am Monatsanfang nicht mehr die zusammengetackerten Din-A-4-Seiten aus dem Briefkasten zu ziehen. Ich war zwar höchstens ein zehntel seiner Lebensdauer Leser des »Fandom Observer«, aber in dieser Zeit habe ich jede Ausgabe genossen. Auch wenn man heutzutage jede Information problemlos im Internet findet, so war es doch schön, das Papier einfach in die Hand nehmen und bequem auf dem Sofa oder dem Balkon lesen zu können.

Daher möchte ich mich bei allen, die an der Entstehung beteiligt waren, herzlich bedanken, dass sie zumindest so lange durchgehalten haben, dass ich mich noch in die Schar der Leser einreihen konnte.

Und jedem, der den »Fandom Observer« noch nicht kennt, sei angeraten, sich noch schnell ein paar PDF-Ausgaben von der Webseite zu laden. Die Internet-Aktivitäten des Teams werden schon rapide reduziert.

Zur Abschiedsausgabe selbst kann ich noch nichts sagen (außer, dass ich auch einen Artikel eingereicht habe), da ich noch auf meine Druckausgabe warte, anstatt mir das PDF zu laden. So wie ich es jeden Monat in den letzten drei Jahren gemacht habe.

Noch ein letztes Mal die Vorfreude ein wenig auskosten und dann mit dem »Fandom Observer« gemütlich auf den Balkon setzen.

Papier ist geduldig. Wir lesen uns anderswo!

Auf dem Treppchen!

In der letzten Woche erfolgte die Bekanntgabe der DSFP-Preisträger 2014.

In der Kategorie Kurzgeschichten, in der auch meine »Operation Heal« nominiert war, holte Axel Kruse mit »Seitwärts in die Zeit« den Sieg. Dahinter platzierte sich Michael Marrak und ich durfte mit dem dritten Platz auch noch mit aufs Treppchen. Das freut mich sehr.

Bei den Romanen holte sich Altmeister Wolfgang Jeschke mit »Dschiheads« den ersten Platz, gefolgt von Uwe Post und Karsten Kruschel.

Ich gratuliere den Preisträgern und auch allen, bei denen es in diesem Jahr nicht für den Sieg gereicht hat. Ich kann mir vorstellen, dass es bei der Festlegung der endgültigen Platzierungen oftmals auch um den Geschmack der Jurymitglieder geht. Ich sehe es für mich auf jeden Fall so, dass alleine die Nominierung schon ein Qualitätsmerkmal ist.