Warmschreiben 2

20.12.2013

»Du bist spät, der Tag ist fast vorbei!«

Bei der Begrüßung bereute der Autor fast, das Teufelchen aus seinem Ordner geweckt zu haben. »Was geht es dich an?«

»Na, wir haben einen Deal, oder?«

»Schon, aber du bekommst doch deine Bilder und MP3s so oder so.«

»Hm«, der Teufel lehnte sich gegen einen Rand des Ordners und strich sich seinen Schwanz, den er über die linke Schulter drapiert hatte, »im Moment schon. Aber wenn du irgendwann der Meinung sein solltest, dass unser Arrangement keinen Wert mehr für dich hat, könntest du auf die Idee kommen, mich zu löschen.«

Der Mann vor der Tastatur zuckte mit den Schultern.

»Und es wäre doch schade«, fuhr das rote Wesen fort, »wenn du meiner schon am zweiten Tag überdrüssig werden würdest, oder? Ich glaube, wir können zusammen Großes erreichen.«

»Meinst du?«

»Sicher. Ich hatte schon einige Deals. Aber dieser … dieser ist etwas Besonderes. Weil du etwas Besonderes bist.«

»Du klingst wie eine billige Nutte.«

»Woher weißt du denn, wie eine billige Nutte klingt?«

»Fernsehen.«

»Ach, zum Fernsehen hast du Zeit, aber mich lässt du hier bis kurz vor Zwölf schmoren?« Das Teufelchen stemmte die Fäuste in die Hüften und zuckte wütend mit dem Schwanz. Dampf trat aus seiner Nase und seinen Ohren aus. Er wirkte fast süß, wie er so eingeschnappt aus dem Bildschirm herausstarrte.

»Schon gut, schon gut, jetzt bin ich ja da. Lass uns anfangen.«

»Anfangen.« Der Computerteufel taperte durch seinen Ordner, hin und wieder zurück, wie ein nervöser Hobbit. »Na gut, womit wollen wir denn anfangen?«

»Mit deiner ersten Geschichte natürlich.« Der Autor griff nach der Maus. Erschrocken hüpfte der Teufel auf und zog sich in die vom Mauszeiger entfernte Ecke zurück.

»Hey, ich erzähle ja, das ist doch kein Grund, gleich handgreiflich zu werden!«

»Was?« Irritiert blickte der Autor seinen Gast an. Der deutete mit einer Kopfbewegung auf die weiße Spitze, die über dem Desktop kreiste. Der Mensch folgte dem Blick.

»Ach so. Keine Angst.« Der Autor griff das geöffnete Ordnerfenster und warf es gegen den linken Bildschirmrand, so dass es sich dort verankerte. Dann öffnete er das Schreibprogramm, dass er zur Zeit bevorzugte, und warf ein Fenster gegen den rechten Bildschirmrand. »Ich will mir doch nur ein paar Notizen machen.«

»Ach so.« Der Teufel entspannte sich und ließ sich auf dem Symbol des Unterordners mit Musik von Cher nieder. »Ich dachte schon, du wärst einer von den Perversen, die auf Pieken und Doppelklicken stehen.«

»Ach, hör auf.« Irgendetwas irritierte den Autor, aber er konnte es nicht ganz greifen. Er warf einen zweiten Blick auf den rittlings sitzenden Teufel. Cher? Ich habe doch gar keine Musik von Cher? »Sag mal, wo kommt denn der Ordner her?«

Der Teufel blickte sich um. »Ordner? Welcher Ordner?«

»Der auf dem du sitzt. Der mit Cher. So was habe ich doch gar nicht.«

Der Rote beugte sich zwischen seinen Beinen hinunter und inspizierte seine Sitzgelegenheit. »Ach so, der. Gefällt dir meine neue Einrichtung?«

»Das war aber nicht der Deal! Und wo hast du den her? Du hast den doch nicht etwa runtergeladen? Ich habe keinen Bock auf eine Abmahnung deinetwegen!«

»Ach wo«, der Teufel winkte ab, »alles legal. Du hast doch dein Amazon-Passwort im Browser gespeichert.«

»Was? Du hast das gekauft?«

»Klar. Mit deiner Depri-Mucke kann doch keiner glücklich werden.«

»So nicht, mein Freund. Du wirst kein Geld mehr ausgeben, verstanden. Und auch nichts illegal herunterladen!«

»Aber …« Das Teufelchen verstummte als die Speerspitze des Mauszeigers auf ihn zuflog. Er warf sich zu Boden, verschränkte die Arme über dem Kopf und winselte. »Schon gut, schon gut, ich bin artig.«

Der Autor nickte. »Na gut. Wehe nicht. Also, erzähl mir eine Geschichte.«

Der Teufel beugte sich aus seinem Fenster in das des Schreibprogramms hinein und beäugte die Statuszeile. »Nein, ich denke nicht. Du hast ja deine 3k schon. Gute Nacht.« Damit verschwand das Höllenwesen blitzschnell in einem Unterordner und ließ einen ratlosen, aber nichtsdestotrotz mit dem Pensum zufriedenen Schreiber zurück.

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