Das blaue Wunder – Nova 17

Nova – Das Magazin für Science Ficiton & Spekulation bietet seit fast zehn Jahren und inzwischen 18 Ausgaben eine feste Anlaufstelle für alle, die an Science-Fiction-Geschichten und -Novellen hauptsächlich deutschsprachiger Autoren und Autorinnen interessiert sind.

Ich habe jetzt zum ersten Mal eine Ausgabe gelesen, und zwar die Nummer 17 von Ende 2010, damals noch herausgegeben von dem Team Ronald M. Hahn, Frank Hebben und Michael K. Iwoleit. Inzwischen hat Hahn sich zurückgezogen und Olaf G. Hilscher hat seinen Platz eingenommen.

Auf 232 DIN-A5-Seiten finden sich neben Impressum, Editorial, Inhaltsverzeichnis und Vitae der Beteiligten neun illustrierte Kurzgeschichten bzw. Erzählungen, zwei Artikel und ein Nachruf.

Uwe Post: Bikepunks

Nach einer nicht näher definierten Apokalypse strampeln sich vier überlebende Männer mittleren Alters auf Fahrrädern durchs Ruhrgebiet. Ihr einziger Hoffnungsschimmer und Kontakt zur Außenwelt ist eine regelmäßig ausgesendete Radiosendung, die sie mit ihrem Solarradio empfangen können. Der Sender von »Radio Wahrheit« ist das Ziel der Bikepunks.

Nach dem Biopunk präsentiert DSFP– und KLP-Doppelpreisträger Post uns nun den Bikepunk. Und der macht ebenso viel Spaß. Abgedrehte Ideen machen den trottelig-sympathischen Figuren das Leben nicht leicht, aber dennoch meistern sie die alltäglichen Herausforderungen einer post(ig)-apokalyptischen Welt mit pöttischer Liebenswürdigkeit. Und das trotz Schraube im Kopf. Ein gelungener Einstieg in die Sammlung.

Florian Heller: Der Folterknecht

In einer post-kapitalistischen, bürokratisch durchstrukturierten Gesellschaft empfängt ein misanthropischer Folterknecht einen neuen Kunden, der ihn mit seiner positiven Einstellung und dem gelassenen Umgang mit der Situation fast so etwas wie Sympathie abringen kann. Doch Job ist Job und alles wird noch komplizierter, als ein Fehler in den Unterlagen entdeckt wird und auch noch ein Höhner hinzukommt, um den Kunden (rein professionell natürlich) zu verspotten.

In einer anderen Rezension wurde dieser Geschichte vorgeworfen, zu viel Ähnlichkeit mit Brazil aufzuweisen. Die Ähnlichkeit sehe ich im Nachhinein auch, aber einen Vorwurf kann ich der Geschichte daraus nicht machen. Im Gegenteil: sie ist ein gelungenes Beispiel einer humorvollen Dystopie und hat meiner Meinung nach verdientermaßen eine Nominierung zum Deutschen Science-Fiction-Preis 2011 für die beste Kurzgeschichte eingefahren. Befürchtete ich am Anfang noch, dass die Geschichte rein zwischen Folterknecht und Klient ein wenig anstrengend und langatmig werden könnte, so wurde diese Befürchtung doch spätestens mit dem Eintreffen des Höhners und der daraus entstehenden Dynamik zerstreut. Eine absurde Überspitzung von Regelwut und -hörigkeit, die mir noch einen Tick besser gefallen hat als die Bikepunks.

(Kurz vor der Fertigstellung des Beitrags kam mir noch eine zweite Assoziation zu dieser Geschichte: das Rollenspiel Paranoia. Den Folterknecht könnte man da wirklich perfekt in ein Abenteuer einbauen.)

Arno Behrend: Im Blitzlichtgewitter

Ein Fotoreporter, der bei einem Vorfall auf einem Auge Blind geworden ist, erzählt in einem Fernsehinterview, wie es dazu gekommen ist und stellt damit gleichzeitig die Entwicklung des Paparazzitum im Vereinigten Königreich nach der Thronbesteigung von William und Kate dar: nach einem kleinen Zusammenstoß zwischen einem Fotografen und Williams Tochter bei einem offiziellen Pressetermin, erlässt der König strenge Regeln zum Umgang der Presse mit der königlichen Familie. Als es jedoch zu einem weiteren Zwischenfall kommt, baut William ein Militärregiment zur Anti-Paparazzi-Einheit um, die fortan die königliche Familie schützt und den Fotografen mit ihren eigenen Mitteln auf die Pelle rückt.

Arno Behrend (für einen früheren Nova-Beitrag mit dem Deutschen Science-Ficiton-Preis ausgezeichnet) präsentiert uns eine weitere böse Satire, die das hohe Niveau der beiden vorherigen Geschichten halten kann. Natürlich nicht sehr realitätsnah, aber unterhaltsam überspitzt. Und ich kann mir schon vorstellen, dass der ein oder andere Promi den Wunsch hätte, es aufdringlichen Fotografen auf genau diese Art und Weise heimzuzahlen. Lediglich die etwas statische Studiosituation hat die Geschichte vielleicht einiger erzählerischer Möglichkeiten beraubt.

Sven Klöpping: Gothic Lovers

Der Ich-Erzähler verbringt mit seiner Geliebten Cassandra eine kurze Zeit der Ruhe auf einem französischen Friedhof, um mit ihr die Einsamkeit abseits der überbevölkerten Realität zu genießen.

Kurze Geschichte, kurze Zusammenfassung, kurze Nachklangzeit. Leider musste ich schon mehrfach feststellen, dass ich mit Sven Klöppings Stil nichts anzufangen weiß. Meist verstehe ich nicht einmal, was in seinen Geschichten, die meiner Meinung nach oftmals eher Stimmungsbildern ähneln als klassischen Erzählungen, passiert. So auch dieses Mal. Die Sprache, die der Autor benutzt, ist so hektisch, wie die Welt, der die Figuren entfliehen wollen. Das zumindest ist gut umgesetzt, reizt aber auch mich zur Flucht aus der Geschichte. Daher geht der Rest dann an mir vorbei. Dahinter steckt sicherlich ein Konzept, eine Welt (Megafusion?), aber damit wird leider nicht mein Geschmack getroffen.

Gero Reimann: Was denn noch?

Der reichste Mann der Welt steht vor der Frage, wie er seinen Tod zu einem exklusiven, unübertreffbaren Ereignis machen kann. Da kommt eine außerirdische Kiste vorbei und bietet ihm an, die Menschheit auszulöschen, so dass er der letzte lebende Mensch auf der Erde wäre.

Auch diese posthum veröffentlichte Geschichte ist kurz und mir nur kurz im Gedächtnis geblieben. Die Grundidee ist durchaus reizvoll, aber die Umsetzung hinterließ bei mir nur die Frage »Was soll das?«. Ich glaube, eine längere Form hätte der Geschichte gut getan.

Ralf Wolfstädter: Schädlingsbekämpfer

Ein Scharfschütze hat den Auftrag, den ruandischen Diktator zu ermorden. Das gelingt auch problemlos, doch dann taucht sein Fluchthelfer nicht auf und er ist auf sich allein gestellt. In einem Bordell gelingt es ihm, Kontakt mit seinen Auftraggebern aufzunehmen und erfährt, dass er den Mord noch gar nicht durchgeführt hat, sondern noch immer in einem virtuellen Probedurchlauf festhängt, da der Ausstieg aus der virtuellen Realität nicht funktioniert hat. So muss er sich gegen die Regierungstruppen und den zum Verräter gewordenen Komplizen bis zum Extraktionspunkt durchschlagen.

Ein reines Actionstück, mit einer Pointe, die über zehn Jahre nach Matrix einfach nicht mehr funktioniert (und auch da meiner Meinung nach schon nicht allzu originell war). Eine VR-Story muss heutzutage einfach mehr bieten. Am Anfang wirft die Geschichte noch einige Aspekte zu Tyrannei, Politik, Entwicklungshilfe, Konzerninteressen etc. auf, die aber leider reine Staffage bleiben. Und auch die Figuren bleiben blass: der Scharfschütze hat nur das Ziel, zu überleben, die Motivation des Verräters wird nicht thematisiert sondern dient nur dazu, der Hauptfigur das Leben schwieriger zu machen. Der Bordellbesuch wirkte auf mich auch mehr reißerisch als plottechnisch motiviert. Ein Telefon wäre auch anderswo zu finden gewesen. Nach dem Einstieg in Nova 17 mit drei Geschichten auf hohem Niveau ist das jetzt leider die dritte Geschichte in Folge, die mir nicht zusagt.

Michael K. Iwoleit: Die Schwelle

In naher Zukunft ist es möglich, Emotionen aufzuzeichnen und an Dritte weiterzugeben, so dass diese sie nacherleben können. Schnell bildet sich im Internet ein Schwarzmarkt für extreme Gewaltemotionen. Ein Journalist, der Recherchen darüber anstellt, verfällt selbst dem Zwang, immer extremere Emotionen zu durchleben. Aus Angst vor seiner immer fortschreitenden Verrohung und davor, dass diese sich gegen seine Freundin richten könnte, beschließt er Buße zu tun und den Urhebern der Gewaltaufzeichnungen auf die Schliche zu kommen. Er vermutet diese in Guatemala, wo seit Jahren die Zahl der getöteten Frauen ansteigt. Also begibt er sich undercover dorthin und nimmt sowohl mit einer feministischen Untergrundorganisation als auch mit den vermeintlichen Gewalttätern im Umkreis des korrupten Polizeichefs Kontakt auf.

Michael Iwoleits mit dem Kurd Laßwitz Preis 2011 ausgezeichnete Erzählung hat ein Thema: den Femizid in Guatemala. Und das ist ein wenig ihr Problem. Sie nimmt für meinen Geschmack dieses Thema zu wichtig. Das soll keinesfalls bedeuten, dass Iwoleit hier in Empörung, Betroffenheit und Moralerei verfällt. Dazu ist er ein zu erfahrener und guter Autor. Und natürlich hatte die Science-Fiction auch oft das Ziel, vielleicht sogar die Aufgabe, gegenwärtige Themen zu reflektieren. Aber trotzdem hatte ich immer das Gefühl hier eine »wichtige« Geschichte zu lesen, die darüber die Wünsche des Lesers ein wenig vergisst. Nicht eine Geschichte, die mich mitreißt, unterhält und dennoch ein wichtiges Thema transportiert. Hier trägt meiner Meinung nach die Perspektive der Geschichte einiges dazu bei. Es ist im Prinzip eine Briefnovelle. Der Journalist schreibt seiner Freundin abends E-Mails, in denen er jeweils über die Fortschritte und nach und nach auch die Hintergründe seiner Ermittlungen berichtet. Aber abends im Hotelzimmer wird daraus natürlich genau das: ein Bericht. Distanziert und reflektiert. Nicht unmittelbar und dicht dran an der Figur. Da hätte mehr drinnen gesteckt. Diese Geschichte hätte dem Leser wirklich Schmerz zufügen und dadurch ihr Thema noch gewichtiger anbringen können, aber dazu ist sie zu unpersönlich. Aber immerhin hat sie das Thema angebracht und das ist gut so. Ich persönlich muss zumindest zugeben, dass ich vor dieser Geschichte nichts über diese Vorfälle in Guatemala (und Mexiko) wusste.

Und übrigens bringt ein Trennungsfehler in dieser Geschichte ein ganz besonderes Stück der Begierde für Innenarchitekten hervor, das ich eher in einer Geschichte von Uwe Post erwartet hätte: die Barsch-lampe!

Aleksander Ziljak: Ultramarine!

Eine Meeresforscherin segelt mitsamt eines außerirdischen Geliebten über die Ozeane einer weit entfernten Welt auf der Suche nach Beweisen für die Existenz eines legendären Riesenkraken. Währenddessen lässt sie ihre Erinnerungen über ihre Zeit bei und mit einem Meeresforscher auf der Erde Revue passieren.

Wer sich bislang über den Titel dieses Blogeintrags gewundert hat, der bekommt es jetzt hier, das blaue Wunder. Trotz der wieder sehr kurzen Inhaltsangabe diesmal eine sehr lange Geschichte, 50 Seiten. Eine ruhige Geschichte. Eine unaufgeregte Geschichte. Eine brillante Geschichte. Eine vielleicht perfekte Geschichte. Für mich das absolute Highlight dieser Ausgabe und sicherlich eine der besten Geschichten die ich je gelesen habe. Alleine für diese Geschichte des kroatischen Gastautors Aleksander Ziljak lohnt sich der Kauf dieser Ausgabe. Es ist eine Geschichte voller Liebe, Leidenschaft und Meer. Unbeschreiblich und unbeschreiblich schön. Lesen!

Leider scheint die ansonsten sehr gelungene Übersetzung nicht ganz so gründlich korrigiert worden zu sein, wie die anderen Geschichten, denn es tummeln sich doch so einige Rechtschreib- und Grammatikfehler, die das Vergnügen aber nicht merklich trüben.

Frank Hebben: Das Lichtwerk

In einer verlassenen Stadt unter einer verdreckten Kuppel leben als einzige Menschen seit Jahren ein älterer Mann, eine junge Frau und ein Jugendlicher zusammen in einem ehemaligen Flakturm. Die Stadt ist voller mysteriöser Gefahren: Erschütterungen, giftigen Sporenschwärme, aggressive Vögel. Alle anderen Menschen sind nach einer Bombadierung der überkuppelten Stadt vor Jahren verschwunden. Die drei bilden zusammen mit ihrem Hund so etwas wie eine Zwangsfamilie und der Mann arbeitet an einem technischen Projekt, in das er den Jüngeren keinen Einblick gewährt.

Die Geschichtensammlung beginnt fast, wie sie begonnen hat: düster, postapokalyptisch, auf hohem Niveau. Nur der Humor der ersten Geschichten fehlt dem Beitrag von Frank Hebben. Aber der würde in diese dystopische Skizze auch nicht hineinpassen, in der es um Freundschaft und Vertrauen und um das Überleben geht. Eine interessante Welt wird hier angedeutet und das offene Ende lässt vielleicht hoffen, dass es andere Einblicke geben wird. (Oder schon gegeben hat?)

Somit endet der Erzählungsteil von Nova 17 und es folgen zwei Artikel sowie ein Nachruf.

Volker Wittmann: Die Suche nach außerirdischer Dummheit

Wittmann sammelt absatzweise Versatzstücke aus der astrophysikalischen Forschung bzw. der Suche nach außerirdischem Leben, zum Beispiel SETI, Wow-Signal oder einer vermeintlichen Raumsonde von Epsilon Boötis. Diese kombiniert er mit historischen Vorkommnissen wie der Massenpanik aufgrund von Orson Welles »Invasion vom Mars«-Hörspiel oder der Ausrottung der Kultur der amerikanischen Ureinwohner durch die europäischen Siedler. Daraus schließt er, dass die Menschheit als Zivilisation untergehen würde, wenn wir von Außerirdischen besucht würden. Daher müssten wir verhindern, dass wir überhaupt besucht werden oder die Außerirdischen zuerst besuchen. Für beides bräuchten wir eine bewaffnete Raumflotte.

So weit die grobe Argumentationskette, so weit ich ihr folgen konnte. Sicher bin ich mir nicht, denn von Schlüssigkeit kann keine Rede sein. Alles in allem ein krudes Konstrukt mit xenophoben Tendenzen, dessen Lektüre man sich getrost sparen kann.

Helmuth W. Mommers: Die deutsche Science Fiction Kurzgeschichte 2009

Der langjährige Szenekenner Helmuth W. Mommers – auf dem Buchrücken übrigens eines Hs verlustig gegangen – gibt seine Einschätzung zu den  in deutscher Sprache verfassten, im Jahre 2009 erstmals erschienenen Kurzgeschichten. Das ist durchaus lesenswert und anregend, auch wenn man natürlich anderer Meinung sein kann.

Franz Rottensteiner: Nachruf auf William Tenn (1920-2010)

Eine interessante und durchaus nicht unkritische Würdigung eines Autors, dessen Werk mir bislang unbekannt ist.

Die Illustrationen sind stilistisch sehr unterschiedlich, aber immer zur Geschichte passend, größtenteils (oder komplett?) wohl extra angefertigt. Leider kenne ich mich da nicht sonderlich gut aus, daher bleibt mir nur zu sagen, dass mir neben der steampunkigen Titelcollage von Thomas Franke die Bikepunks von Markus Bülow sowie die Illustrationen zu Das Lichtwerk von Christian Edler am meisten zusagen. Ich stehe halt mehr auf einen realistischen Zeichenstil.

Fazit: Eine gelungene Sammlung von Kurzgeschichten und Erzählungen. Auch wenn einige nicht mein Fall waren, so reißen es die guten bis sehr guten anderen locker wieder raus. Sicherlich nicht mein letztes Nova.

Daten:

Ronald M. Hahn, Frank Hebben, Michael K. Iwoleit (Hg.): Nova – Das Magazin für Science Fiction und Spekulation. Ausgabe 17, Herbst / Winter 2010. ISSN 1864-2829. 12,80 EUR. www.nova-sf.de

Ein Gedanke zu „Das blaue Wunder – Nova 17

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