Finanzkrise und Glücksrittertum – Neal Stephenson: Confusion

Staatspleiten, Finanzreformen, Millionenspekulationen, Goldreserven, … klingt nach einem nahezu beliebigen Nachrichtenartikel der letzten Jahre? Stimmt schon. Sind aber in diesem Fall Elemente des Buches Confusion von Neal Stephenson. Dies ist der Nachfolger von Quicksilver und mithin Mittelteil der Barock-Trilogie, die mit Principia ihr Ende finden wird. Barock-Trilogie klingt nun nicht gerade nach einer Aufarbeitung der Finanzkrise des 21. Jahrhunderts und tatsächlich spielt das Buch auch am Ende des 17. und Anfang des 18. Jahrhunderts. Und wie die Schlagworte oben schon zeigen, schlagen sich die Protagonisten mit ähnlichen Problemen herum wie wir heutzutage.

Confusion enthält eigentlich zwei Romane, die der Chronologie halber ineinander verwoben sind. In Bonanza wird dargelegt, wie Jack Shaftoe, König der Landstreicher und am Ende des ersten Bandes eigentlich dem Tode durch Syphilis und/oder Piratenangriff geweiht, beides überlebt und mit einigen anderen Galeerensklaven einen Plan ausheckt, der ihn mehrmals zu Reichtum und wieder in die Armut führen wird, der ihn einmal um die ganze Welt schickt und der (für ihn) eigentlich nur den einen Zweck verfolgt, seine große Liebe Eliza wenn schon nicht wiederzusehen, dann doch alles dafür (und für sie) zu tun.

Eliza ist die Hauptfigur des zweiten Romans, Das Komplott. Darin steigt sie in den französischen Hochadel auf und stürzt quasi nebenbei die Welt in eine Finanzkrise, während sie einige millionenschwere Transaktionen einfädelt, die – neben dem Ziel, ihr persönlichen Reichtum zu verschaffen – dasjenige haben, sich am Entführer ihres Kindes zu rächen, einem Leipziger Bankier.

Im Vergleich zum ersten Teil viel weniger Raum haben die Naturphilosophen um Daniel Waterhouse, Isaac Newton und Gottfried Leibniz. Denn es geht in diesem Band weniger um die Ursprünge der modernen Naturwissenschaften als um diejenige der Wirtschaftswissenschaften: Währung, (Termin-)Handel, Angebot und Nachfrage, Binnenmärkte, bargeldlose Transaktionen. All das sind Konzepte, die im- oder explizit ihre Rolle in diesem Buch spielen. Und das durchaus interessant, verständlich und im Angesicht der gegenwärtigen Lage sogar durchaus aktuell. Es gelingt relativ leicht, nachzuvollziehen, wie Eliza mit ihren Spekulationen einen Staat in die Krise (und wieder heraus) führt und welchen Einfluss Jacks Aktionen in Spanien, Ägypten, Indien, Japan, Manila und Mexico auf Europa haben. Vielleicht hilft die Kenntnis der (teilweise fiktiven) Vergangenheit ja tatsächlich beim Verständnis der Gegenwart?

Leider braucht das rund 1000-seitige Buch einige hundert Seiten, um wirklich zu fesseln. So ging es mir jedenfalls, der ich anfangs auch eine thematische Fortsetzung des ersten Bandes erwartete. Erst nachdem ca. ab Seite 400, 450 Elizas Komplott deutlicher wurde und auch Jacks Handlungsstrang mit der Ankunft in Indien und dem Mord an einer Mücke für mich an Interesse zulegte, begann das Buch, mich in den Bann zu ziehen, den schon sein Vorgänger hatte errichten können. Allerdings – dies mag aber auch einer verklärten Erinnerung zugerechnet sein, da ich Quicksilver schon vor annähernd zwei Jahren gelesen hatte – war der Bann zu der Zeit auch von einer gewaltigeren sprachlichen Wucht getragen, die einfach Spaß machte zu lesen, auch wenn es anstrengend war. Das macht Confusion meinem jetzigen, subjektiven Eindruck nach nicht ganz so gut.

Dennoch hat es genug Interesse geweckt und erhalten, damit ich auch den dritten Band lesen werde. Jedoch nicht gleich im Anschluss, denn diese Bücher sind keine schnelle Nebenbei-Lektüre. Sie verlangen Konzentration, die durch ein unheimlich detailliertes Bild der europäischen (und in Jacks Geschichte auch der weltweiten) Vergangenheit belohnt wird, die zumindest mir als Laien die eine oder andere Überraschung bereitete. (Wobei ich jetzt einfach mal davon ausgehe, dass die historischen Fakten ausreichend genau genug recherchiert und wiedergegeben sind.)

Ohne diesen Hintergrund und die Ausflüge in verschiedene philosophische, wissenschaftliche und soziale Themen der damaligen Zeit wäre die Geschichte an sich für mich allerdings etwas flau. Vielleicht ist sie auch nur (noch) zu zerfasert mit dutzenden von Figuren, die quer durch Europa verteilt sind. Schauen wir mal, wie Band 3 das alles auflöst und welchen thematischen Schwerpunkt er setzt. Ich bin gespannt.

 

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