Lese-Challenge 2018: Reise durch die Genres

Hervorgehoben

Anfang des Jahres bin ich über eine Blog-Challenge gestolpert, der ich mich dieses Jahre stellen möchte: Eine Reise durch die Genres. Wer mehr dazu wissen will, findet das bei den Ausrichtern von Gerngelesen oder in meinem ersten Artikel zum Thema.

Es geht darum, jeden Monat ein Buch aus einem vorgegebenen Genre zu lesen und zu besprechen. Auf dieser Seite werde ich eine Liste der gelesenen Bücher pflegen und die jeweiligen Artikel verlinken.

  • Genre des Monats Januar 2018: Fantasy. Gelesen: „Die Klingen des Lichts“ von Lois McMaster Bujold
  • Genre des Monats Februar 2018: Krimi. Gelesen: „Die Wälder am Fluss“  von Joe R. Lansdale
  • Genre des Monats März 2018: Biographie. Gelesen: „Spock und ich. Mein Leben mit Leonard Nimoy“ von William Shatner mit David Fisher
  • Genre des Monats April 2018: Young Adult. Gelesen „Akata Witch“ von Nnedi Okorafor

(Gern-)Gelesen: William Shatner mit David Fisher – Spock und ich. Mein Leben mit Leonard Nimoy

Wie schon in den beiden Vormonaten, so konnte die Reise-durch-die-Genres-Challenge vom Gerngelesen-Blog auch im März wieder dazu beitragen, meinen Stapel ungelesener Bücher um ein Element zu reduzieren. Diesmal handelte es sich (gemäß Monats-Thema) um eine Biographie, die erst zwei Wochen zuvor als Geburtstagsgeschenk seinen Platz darauf gefunden hatte: „Spock und ich. Mein Freund Leonard Nimoy“ von William Shatner mit (vermutlich reichhaltiger) Unterstützung durch David Fisher. (Immerhin bekommen Shatners „Co-Autoren“ inzwischen auch ihren offiziellen Platz auf dem Umschlag.)

Ich vermute, dass den meisten Leuten, die sich auf diesen Blog verirren, die Namen Leonard Nimoy und William Shatner etwas sagen und wenn nicht, dann zumindest die Namen ihrer ikonischen Rollen, die sich tief ins popkulturelle Geflecht der (westlichen) Welt gebettet haben: Spock und Kirk. Wissenschaftsoffizier und Kommandant des (produktionshistorisch) ersten Raumschiffs Enterprise. Oder Hirn und Muskel der Serie, je nach Perspektive.

Vor über 50 Jahren haben die beiden sich also bei den Dreharbeiten kennengelernt, drei Jahre miteinander gearbeitet und sind dann vermeintlich ihrer eigenen Wege gegangen. Doch das Phänomen, das Star Trek im Laufe der Zeit wurde, ließ die beiden nicht voneinander loskommen. Wie sich das Verhältnis der beiden vom anfänglichen Neid Shatners auf die Popularität von Nimoy und Spock hin zu einer auf Conventions und Filmdreharbeiten geschmiedeten Freundschaft wandelte, die (mehr oder weniger) bis zu Nimoys Tod im Jahre 2015 währte, wird in diesem Buch aus Shatners Perspektive erzählt. Aber auch das Leben und die Karriere beider Schauspieler vor Star Trek findet in einer Art Parallelmontage seinen Platz.

Das ist alles durchaus gefällig geschrieben und mit der ein oder anderen Anekdote gespickt, die jedoch oft nicht so pointiert daherkommen, wie ich es mir wünschen würde. Vor allem habe ich nach dem Lesen des Buches nicht das Gefühl, mehr über Leonard Nimoy zu wissen, als zuvor. Sicherlich gibt es einige Aspekte, die mir so nicht (mehr) bewusst waren, beispielsweise Nimoys recht zerrüttetes Verhältnis zu Roddenberry oder das ganze Ausmaß seiner Alkoholabhängigkeit, aber wenn jemand ein Buch über seinen erklärtermaßen besten Freund schreibt, dann erwarte ich mir doch mehr davon.

Hinzu kommt, dass ich die Struktur des Buches teilweise als verwirrend empfand. Natürlich ist es als Biographie vorrangig chronologisch erzählt, doch greift Shatner immer mal wieder auch vor oder geht auf vergangene Ereignisse noch mal unter einem anderen Gesichtspunkt ein. Das wäre ja auch in Ordnung, wenn es einzelne thematische Kapitel wären, die das Leben Nimoys ausleuchten, aber so kommt es mir vor, als wäre es weder Fisch noch Fleisch.

Als Fazit hat das Buch also für diejenigen, die sich mit den Hintergründen und der Geschichte von Star Trek bereits auskennen, leider wenig Neues zu bieten. Und für alle anderen ist das Buch vielleicht etwas zu speziell, da Nimoy auch eher wenig losgelöst vom Star-Trek-Kontext als Person dargestellt wird, die generelles Interesse auslösen könnte. (Was er in der realen Welt sicherlich getan hat, wie das Buch auch behauptet, aber leider nicht erfahrbar macht.)

(Gern-)Gelesen: Joe R. Lansdale – Die Wälder am Fluss

Auch zum zweiten Monatsgenre der Reise-durch-die-Genres-Challenge des Gerngelesen-Blogs, dem Krimi, hatte ich ein passendes Buch bereit, diesmal auf meinem Kindle. Schon vor längerer Zeit hatte ich bei einem Angebot zugeschlagen und mir Die Wälder am Fluss zugelegt, da ich über die Werke von Autor Joe R. Lansdale schon viel Gutes gehört hatte.

Im Texas der 30er Jahre verläuft sich der elfjährige Harry mit seiner kleinen Schwester im Wald. Auf dem Weg nach Hause und während der Flucht vor dem lokalmythischen (oder doch nicht?) Ziegenmann finden sie die entstellte Leiche einer Frau, die mit Stacheldraht an einen Baum gefesselt ist. Da es sich aber um eine Farbige handelt, interessiert sich niemand großartig dafür, abgesehen von dem Vater der Kinder, der nicht nur Farmer und Frisör, sondern auch noch der Constable des Countys ist. Er lässt sogar von einem farbigen Arzt im Nachbarort eine Autopsie der Leiche vornehmen, aber die Spuren sind so dürftig wie die Kriminaltechnik unausgereift und so bleibt der Mord zunächst unaufgeklärt. Doch Harry lässt er keine Ruhe, so dass er auf eigene Faust ermittelt. Und es bleibt auch nicht der einzige Mord. Je weiter Harry und sein Vater in die Ermittlungen einsteigen, desto mehr Feinde machen sie sich auch: die Bewohner des Dorfes, den Constable des Nachbar-Countys und zu guter Letzt auch den Ku-Klux-Klan.

Die Wälder am Fluss ist nicht nur ein Krimi, sondern zeichnet natürlich auch das Bild einer Zeit, die längst vergangen schien. Doch so vergangen ist sie gar nicht, wie Nachrichten und Wahlergebnisse immer wieder belegen. Rassismus ist allgegenwärtig und dieses Buch zeigt die Konsequenzen, wenn dieser zur Selbstverständlichkeit wird. Ein Menschenleben ist dann nichts mehr wert, insbesondere, wenn es kein weißes ist. Ich bin mir jedoch noch ein wenig unsicher, wie ich es bewerten soll, dass gerade die Familie des Protagonisten hier die ultra-tolerante Ausnahme für diese Zeit darstellt.

Die Hauptsache bei einem Krimi ist aber wohl die Jagd nach dem Täter. Die zieht sich hier bis zum Ende hin, nimmt die eine oder andere Wendung und fordert von den Ermittlern vollen Einsatz. Jedoch fiel es mir als Eher-nicht-Krimi-Leser nicht allzu schwer, etwa zur Mitte des Romans den Täter im Verdacht und einen dem tatsächlichen Ende einigermaßen nahekommenden Ausgang der Ereignisse vor Augen zu haben. Insofern war es hier eher interessant zu lesen, welche Ver- und Entwicklungen sich im Laufe der Zeit ergeben.

Ein klein wenig enttäuscht war ich auf der sprachlichen Ebene. Ich hatte erwartet, zwischen den Zeilen die Hitze der Südstaaten zu spüren, das Schwirren der Moskitos über dem Fluss zu hören und den Schweiß der Landarbeit auf meiner Lippe zu schmecken. Das ist dem Buch nicht gelungen, wobei ich mir nicht sicher bin, ob es an meinen zu hohen Erwartungen lag oder ob hier auch die deutsche Übersetzung mit hineinspielt. Denn bei den Überlegungen über dieses Buch ist in mir die Frage aufgekommen, ob die deutsche Sprache in den Medien, in meinen ersten Gedanken primär Bücher und Filme/Serien, nicht eine zu gleichmachende Wirkung hat, die sprachliche Eigenheiten glatt schleift. Aber das ist ein Thema für einen anderen Beitrag.

Alles in allem hat mir das Buch gefallen, auf der soziogeschichtlichen Ebene vielleicht noch mehr als als Krimi. Wenn ich noch mal einen Lansdale lese, werde ich das jedoch auf Englisch tun, um zu sehen, ob die Sprache dort die erwartete Wucht entfaltet.

Gelesen: Lois McMaster Bujold – Die Klingen des Lichts

Wer diesem Blog oder meinem Twitter-Account schon länger folgt, wird eventuell mitbekommen haben, dass ich ein großer Fan des Barrayar-Zyklus von Lois McMaster Bujold bin. Neben diesen Science-Fiction-Büchern hat die Autorin aber auch noch einige Fantasy-Reihen und -Romane geschrieben, von denen zumindest die auf Deutsch erschienen Bände schon seit längerem ungelesen in meinem Regal stehen, seit es sie vor einiger Zeit mal günstig im Abverkauf gab.

Anfang des Jahres war es dann mal wieder Zeit, ein neues Buch aufzuschlagen. Dabei kam mir Reise-durch-die-Genres-Challenge vom Gerngelesen-Blog in den Sinn, über die ich zufällig – vermutlich auf Twitter – gestolpert war. Es geht darum, in jedem Monat des Jahres 2018 ein Buch aus einem anderen, vorgegebenen Genre zu lesen und darüber eine Rezension zu verfassen. Ich fand diese Herausforderung aus zwei Gründen attraktiv. Zum einen fördert sie den Blick über den Tellerrand des Lieblingsgenres hinaus, was sowieso nicht schadet und zum anderen könnte sie dazu beitragen, einen kontinuierlichen Fluss an Blogartikeln beizubehalten. Die Frequenz von einem Buch pro Monat erschien mir auch machbar, so dass ich mich – ohne mich auch nur mental schon zur Teilnahme an der Challenge zu verpflichten – dazu entschied, mich zumindest an dem Januar-Genre zu orientieren. Nun habe ich im Bereich der Fantasy durchaus noch einige ungelesene Bücher herumstehen, aber ich griff zum ersten Band des vierbändigen Sharing-Knife-Zyklus von Lois McMaster Bujold mit dem Titel „Die Klingen des Lichts“.

Als ich mich nach dem Lesen ein wenig mit den Rezensionen auf Goodreads und Amazon beschäftigte, stellte ich fest, dass diese sehr polarisiert ausfallen. Und ich kann durchaus verstehen, dass einige enttäuscht sind, dass sie nicht das bekommen haben, was sie anhand des Klappentexts und der allgemeinen genre-üblichen Konventionen erwartet haben. Es handelt sich hier keinesfalls um eine epische Fantasy-Saga, in der Gut gegen Böse kämpft, Schlachten geschlagen und Länder erobert werden. Vielmehr handelt es sich um eine recht gradlinige Liebesgeschichte vor dem Hintergrund einer Welt mit durchaus epischem Potenzial.

Die ungewollt schwangere Bauerntochter Fawn verlässt ihr Heimatdorf, um den anderweitig verlobten Kindsvater zu vergessen und sich in der Stadt einen Beruf zu suchen, mit dem sie ihr Kind durchbringen kann. Unterwegs wird sie von den Handlangern eines Landzehrer oder Übel genannten bösen Wesens gefangen genommen, dem sie das Ungeborene Opfern wollen, damit es mehr weltliche Gestalt in der Realität annehmen kann.

Doch der einhändige Striefenreiter Dag vom magisch begabten Volk der Seenläufer, der mit seiner Patrouille gegen die Übel kämpft, kann sie befreien und Fawn selbst gelingt es sogar, mit dem Dolch von Dag das Übel zu töten. Dabei wird der Knochendolch anscheinend geprägt, was eigentlich nur geschehen sollte, wenn ein Streifenreiter selbst sein Leben opfert, um seine Lebenskraft in den Dolch fließen zu lassen. Dieses Mysterium möchte Dag mit Fawns Hilfe bei seinem eigenen Volk aufklären.

Und damit ist der Action-Teil des Buches nach dem ersten Drittel auch abgeschlossen. Der Rest handelt nun davon, wie sich Dag und Fawn ihrer Liebe füreinander bewusst werden und wie sie zunächst die Hindernisse, die ihnen in Dags Patrouillen-Verband und später dann in Fawns Familie entgegenstehen, überwinden.

Das passt sicherlich nicht jedem Fantasy-Leser. Mir hingegen hat es sehr gut gefallen. Die ganz große Dramatik bleibt dabei aus und eigentlich gibt es auch während des Lesens keinen Zweifel daran, dass die beiden die eher kleinen Hindernisse, die sich ihnen in den Weg stellen, auch meistern können. Die aus entsprechenden Liebesfilmen bekannte Krise zwischen den Liebenden bleibt – für mich positiverweise – auf der Strecke. Gleichzeitig kann das Buch dadurch aber auch auf der personalen Ebene ein wenig konfliktarm wirken, was gewöhnungsbedürftig ist und vermutlich auch eine Rolle dabei gespielt hat, dass Fawn sich in einigen Rezensionen dem Vorwurf stellen muss, eine Mary Sue zu sein. Das ist vermutlich ein Vorwurf, den jede einigermaßen starke Frauenfigur heutzutage über sich ergehen lassen muss. Natürlich ist Fawn eine liebenswerte Identifikationsfigur, die die Stärke besitzt, über die Personen in ihrem Umfeld – in angemessenem Maße, wohlgemerkt – hinauszuwachsen. Aber meine Güte, das ist die Definition eines Protagonisten und wer es nicht ertragen kann, dass auch Frauen zu so etwas in der Lage sind, der soll sich gefälligst einen anderen Planeten suchen.

Für mich war dieses Buch auf jeden Fall ein Glückstreffer. Auch ich habe nicht das bekommen, was ich anhand des Klappentextes erwartet habe, aber das bewerte ich in diesem Fall sehr positiv. Wer also Lust hat, eine Romanze in einem fantastischen Setting zu lesen, von deren drei Fortsetzungen jedoch nur noch eine auf Deutsch erschienen ist, der darf ruhig einmal einen Blick riskieren. Ich werde sicherlich in Zukunft mal schauen, wie die Geschichte weiter geht und was es mit dem mysteriösen Dolch auf sich hat.

Star Trek Discovery – Was ich entdeckte (Teil 2)

Achtung, dieser Artikel kann Spoiler zur ersten Staffel von „Star Trek – Discovery“ bis einschließlich Episode 12 („Vaulting Ambition“ / „Blindes Verlangen“)

Im ersten Teil dieses Artikels bin ich ein wenig auf das Setting eingegangen, in dem Discovery spielt. Das vorläufige Fazit könnte als „wenig startrekig“ zusammengefasst werden. Inzwischen sind drei weitere Folgen durch die Leitung geströmt und haben zumindest die Spekulationen hinsichtlich des Spiegel-Universums imposant bestätigt. Zur Verdeutlichung des eigentlichen Settings trägt der Aufenthalt im Spiegel-Universum natürlich nur wenig bei. Umso mehr jedoch zur Charakterisierung der Figuren, die heute sowieso Gegenstand des Artikels sein sollten. Also, schauen wir mal auf die Crew:

  • Saru: Ich mag Saru, auch wenn ich finde, dass man noch recht wenig von ihm und seiner Spezies weiß. Interessant finde ich auf jeden Fall den Aspekt, dass sich eine intelligente Spezies mal aus Beutetieren anstatt aus Jägern entwickelt hat. Das eröffnet neue Erzählperspektiven. Bleibt zu hoffen, dass Sarus threat ganglia nicht immer nur anschlagen, wenn es der Plot gerade benötigt, sondern dass diese Facette – sowie natürlich Sarus Persönlichkeit insgesamt – konsistent und sinnvoll eingebunden wird. (Troi, ick hör dir trapsen.)
  • Stamets: Auf den ersten Blick der verrückte – oder zumindest bessessene – Wissenschaftler. Aber auch dieser bekommt durch die unaufdringlich eingestreute Partnerschaft mit Culber eine zusätzliche Facette, die eine umfassendere Figur aus ihm macht. Ich frage mich allerdings, welche Rolle Stamets übernehmen wird, wenn der Sporenantrieb erst einmal aus dem Setting gestrichen ist, da er anscheinend ja schon sehr auf diese Technologie fokussiert ist.
  • Tilly: So weit ich mitbekommen habe, gibt es einige Kontroversen um diese Figur. Viele finden sie wohl nervig. Ich finde sie erfrischend. Die (manchmal naive) Neugier und Freude, die sie auszeichnen, sind noch am ehesten das, was die typischen Werte der Sternenflotte (und auch diejenigen von Star Trek) in dieser Serie vertritt. Für sie ist es keine Frage, dass es notwendig ist, einen Weg zu finden, um Stamets zu helfen. Für sie ist es keine Frage, dass Burnham die Chance verdient hat, auch außerhalb des Dienstes als Mensch behandelt zu werden. Gerade, weil Tilly am Anfang auch ihre Vorurteile gegenüber Burnham hatte, macht sie die Tatsache, dass sie diese überwunden und eine Freundschaft mit Burnham begonnen hat, doch zum Inbegriff von Star Trek.
  • Tyler: Inzwischen ist ja bestätigt, was die Tribbles von den Schreibtischen gekreischt haben: Tyler ist Voq. Das gefälschte IMDb-Profil hat also nicht geholfen, davon abzulenken, hat aber immerhin für einen amüsanten Twitter-Account gesorgt. Ein bisschen ist ja schon auf die Umwandlung eingegangen worden. Und natürlich hat sie mit Arne Darvin in der TOS-Episode „The Trouble With Tribbles“ / „Kennen Sie Tribbles?“ ein Vorbild im Universum. Trotzdem finde ich es schon extrem weit hergeholt, dass solche eine Umwandlung den medizinischen Scannern entgehen kann. Und selbst die Tiefenuntersuchung von Culber hat nur einen Verdacht, aber keine Gewissheit ergeben. Ich hoffe, dass da noch eine plausiblere Erklärung nachgelegt wird.
    Interessant finde ich aber auch die Frage, ob Lorca eventuell sogar einen Verdacht hatte, dass Tyler nicht ganz sauber ist, es ihm aber egal war, da er eventuell einen Vorteil darin erkannte, der ihm helfen könnte, sein eigentliches Ziel zu erreichen. Oder ob Lorca aufgrund seiner Herkunft eine nicht-menschliche Spezies einfach unterschätzte und ihr so einen Schachzug weder technologisch noch intellektuell zutraute?
  • Lorca: Auch hier gab es ja von Anfang an Gerüchte, dass er aus dem Spiegeluniversum stammen könnte. Im Gegensatz zu Tyler wurden die bei Lorca aber offener gehalten, finde ich. Es war keineswegs so deutlich, dass er wirklich aus dem Imperium stammt. Er hätte auch einfach nur ein rücksichtsloses Arschloch sein können. Wobei das natürlich die Frage aufgeworfen hätte, wie so eine Person in der Sternenflotte, die wir kennen, ein so einflussreiches Kommando hätte erhalten können.
    Viele seiner Handlungen ergeben natürlich vor dem Spiegeluniversumshintergrund jetzt viel mehr Sinn. Dennoch bleibt es für mich spannend, wie es einem Gast aus dem Universum in der Sternenflotte gelungen ist, so viele Leute hinter das Licht zu führen. Vielleicht erfahren wir dazu ja noch ein wenig mehr. Tendenziell scheint es mir im Spiegeluniversum, in dem sowieso viel mit Einschüchterung und Manipulation gearbeitet wird, leichter zu sein, die eigene Machtposition zu nutzen, um Schwächen in der Darstellung zu übertünchen als in unserem, in dem selbständiges Denken und kritisches Hinterfragen eher Anforderungen an einen Sternenflottenoffizier sind.
    Aber vielleicht war Lorca bei seiner Ankunft hier ja auch tatsächlich aufgeflogen und die Zerstörung der Buran war nicht Auslöser sondern Folge seines Wechsels in unser Universum? Dass er skrupellos genug ist, um die Besatzung eines ganzen Schiffes für seine eigenen Interessen zu opfern, hat Lorca zweifellos bewiesen. Und was ist eigentlich aus dem echten Lorca geworden? Hat er den Untergang der Buran nicht überlebt? Eine spannende Figur, wenn auch sicherlich kein Sympathieträger.
  • Burnham: Mit der Sympathie hat es Burnham, die Hauptfigur der Serie, leider auch nicht so ganz. Und hier ist das schon problematischer. Natürlich verstehe ich die Absicht der Autoren, mit Burnham eine Figur einzuführen, die man auf ihrer Reise zur Menschlichkeit begleitet, welche ihr aufgrund ihrer vulkanischen Erziehung mangelt. Nur schaut man sich die Pilotfolge an, so war Burnham schon ein ganzes Stück weiter gekommen. Der Verlust der Shenzhou und insbesondere ihrer Mentorin Georgiou haben ihr da mächtig zugesetzt und sie ein ganzes Stück zurückgeworfen. Nur leider wirkt sie dadurch so distanziert, dass es mir als Zuschauer schwer fällt, Interesse und Mitgefühl für sie aufzubringen. Erst in den letzten Folgen ist sie wieder zu einer aktiveren Figur geworden, die ein eigenes Interesse daran hat, die Geschichte voranzubringen. Ich hätte mir hier von der Serie eine leichter zugängliche Identifikationsfigur gewünscht. Immerhin reden wir hier noch über eine Mainstream-Science-Fiction-Serie und nicht über ein Independent-Psychogramm. Aber ich habe zutrauen, dass sich das verbessert, wenn das Spiegeluniversum und der klingonische Krieg erst einmal hinter uns liegen.
    Und vielleicht noch ein paar Worte zu dieser ganzen Meutereigeschichte: Ja, technisch gesehen war es eine Meuterei. Und dass Burnham gleich zum Nervengriff gegen Georgiou griff, war sicherlich übertrieben und passte meiner Meinung nach nicht zu der Figur, wie sie bis dahin eingeführt worden war. Aber in keiner der vergangenen Serien hätte ein erster Offizier, der so etwas getan hat, so eine Strafe kassiert. (Auch wenn das unter dem Aspekt des Realismus durchaus angemessen gewesen wäre.) Und dass darüber hinaus Burnham sich selbst die Schuld an dem Krieg gibt – so wie es auch alle anderen tun – kann ich nicht nachvollziehen. Aber das ist vielleicht ein Thema für einen anderen Artikel.

Soweit zu den neuen Figuren. Bevor ich mich jetzt in Episode 13 versenke, möchte ich noch kurz eine Spekulation hinterlassen, wie es mit Discovery weiter gehen könnte. Ich denke (derzeit zumindest), dass die Discovery beim Verlassen des Spiegeluniversums – auf welchem Weg auch immer – einen Zeitsprung in die Vergangenheit machen wird. Ähnlich ist es ja schon der Discovery ergangen, als sie den interphasischen Raum durchquerte. Und zwar einen Zeitsprung in die Zeit vor dem klingonischen Krieg. Und dann kann Burnham all das verhindern, was passiert ist: der Konflikt mit den Klingonen, die Zerstörung der Shenzhou und der Buran, das Finden des Tardigrade, was gleichzeitig den Sporenantrieb hinfällig macht und so weiter und so fort. Vielleicht entkommt auch nur Burnham dem Spiegeluniversum und benutzt dann Mudds Zeitschleifenkristall, um die Situation zu ihrem Vorteil bzw. natürlich dem der Föderation zu formen. Und dann stehen wir plötzlich in der Situation, die uns der Prolog der Serie, die beiden Pilotepisoden, schon angekündigt hat: Burnham bekommt ihr eigenes Kommando, die Discovery (mit konventionellem Antrieb) und kann sich schön trekkig der Erforschung des Universums widmen. Ich würde mich freuen.

Freuen würde ich mich auch, wenn wir uns demnächst zum dritten Teil dieses Artikels wiedersehen, in dem es dann vermutlich um ein Gesamtfazit der ersten Staffel gehen wird.